Rene Allonge ist leitender Ermittler des Landeskriminalamts Berlin und vor allem für den Bereich Kunstdiebstähle und -fälschungen zuständig. Der gebürtige Malchiner entdeckt mit seinem Team Fälschungen und Kunstdiebe, darunter ein Demminer Rentnerpaar.
Fälschungen als Wandschmuck
In einem Besprechungszimmer des Landeskriminalamtes Berlin hängen eindrucksvolle Kunstwerke, die in Versteigerungen teilweise hohe Preise erzielt haben, als sie Heinrich Campendonk, Otto Modersohn oder Emil Nolde zugeschrieben wurden. Manchmal landeten Abbildungen davon sogar auf der ersten Seite der Auktionskataloge. Gemeinsamer Makel der Meisterwerke: Sie alle sind gefälscht, mal besser, mal schlechter. Kunstinteressierte und Investoren verloren mitunter viel Geld, als sie dachten, Originale zu erwerben.
Diese und andere „Kunstwerke“ wurden in den vergangenen Jahrzehnten eingezogen, wenn das LKA Fälschungen aufdeckte. Viele liegen in einem eigenen Lager für die Fälschungen, einige aber schmücken die Arbeitszimmer der erfolgreichen Abteilung für Kunstdelikte. „Jedes Bild hat seine eigene Geschichte“, sagt Rene Allonge.
Der Beltracchi-Skandal
Seit 2009 ist der heute 52-Jährige Chef der Abteilung 444. Ein Jahr später rückten er und sein Team in den Fokus auch internationaler Medien. Sie enttarnten Wolfgang Beltracchi, der zahlreiche Gemälde im Stile Campendonks, von Max Pechstein und anderen Künstlern gemalt hatte und erfolgreich Auktionshäusern anbieten ließ.
„Rotes Bild mit Pferden“, ein vermeintlicher Campendonk, von Experten begutachtet und für echt befunden, brachte damals 2,9 Millionen Euro. Auch 15 Jahre später ist der Fall noch nicht zu Ende – der Bundesgerichtshof verhandelt im Oktober darüber, ob der einst fälschende Maler das Bild vom jetzigen Besitzer herausverlangen kann.
Vom Vollmatrosen zum Ermittler
Als Allonge Chef der Abteilung wurde, hatte er mit Kunst nicht wirklich etwas am Hut, wie er zugibt. Sein vor einigen Jahren verstorbener Vater malte Landschaften, drängte dem Sohn aber nicht sein Hobby auf. Mit fünf aus Malchin nach Neubrandenburg gezogen, weckten einige Lehrer das Fernweh in ihm, erinnert er sich.
Gern wäre er bei der Handelsmarine gelandet, aber – wie nicht selten in der DDR – hinderte die enge Westverwandtschaft das Vorhaben. Es blieb das Angebot, bei der Hochseefischerei eine Berufsausbildung zum Vollmatrosen mit Abitur zu beginnen. Als er seine Ausbildung in Rostock antrat, mitten in der Wendezeit, kündigten die Reedereien den Lehrlingen nach wenigen Tagen. „Als 16-Jähriger war der Traum plötzlich weg“, erinnert er sich.
Allonge ging wieder zur Schule, machte das Abitur. Von der Polizei in Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen erhielt er Zusagen für den mittleren Dienst, er entschied sich für Berlin, wo er direkt im gehobenen Dienst eingestellt wurde. „Ich wollte die großen Fälle erleben, und habe es auch geboten bekommen“, blickt er zurück.
Spektakuläre Fälle und die alte Heimat
Allonges Abteilung ermittelte in den von einem Familienclan begangenen Diebstählen der 100 Kilogramm schweren Goldmünze „Big Maple Leaf“ aus dem Bode-Museum oder des unschätzbar wertvollen Schmucks aus dem Grünen Gewölbe in Dresden. Auch die Aufklärung des spektakulärsten Kunstraubs der DDR geht auf ihr Konto. 1979 verschwanden aus Schloss Friedenstein in Gotha fünf Gemälde.
Seine Arbeit brachte ihn unter anderem nach New York, wo er Yoko Ono traf, um von ihr die gestohlenen und in Berlin aufgetauchten Tagebücher ihres ermordeten Ehemannes John Lennon identifizieren zu lassen. Und sie brachte ihn beim letzten großen Coup im vergangenen Jahr auch in die alte Heimat, nach Mecklenburg-Vorpommern, zu zwei Grabräubern aus Demmin. Sie waren, wie heute klar ist, 2024 für das Verschwinden zahlreicher prägnanter Plastiken und Bronzen in Berlin verantwortlich, auch Ehrengräber waren betroffen.
Das Landgericht Berlin verurteilte vor wenigen Wochen beide Demminer in einem aufsehenerregenden Prozess zu noch nicht rechtskräftigen Haftstrafen, einen Hehler ihrer Ware zu einer Bewährungsstrafe. Der Kellerraum mit gestohlener Grabkunst in Berlin hat sich inzwischen zur Freude der Ermittler merklich geleert. Allerdings sind zahllose Zaunelemente, mehrere Jesus-Figuren und einige andere, wirklich schwere Gegenstände weiterhin nicht einem Tatort zuzuordnen.
„Ich mag die Menschen hier“, sagt der gebürtige Malchiner und strahlt über das ganze Gesicht. Immer wieder besucht er Verwandte und Freunde in der alten und nicht zu fernen Heimat. Immer wieder treibt es ihn an Orte seiner eigenen Geschichte, um in Erinnerungen zu schwelgen. An die Orte einer „schönen, unbeschwerten Kindheit“.