Unter der Weltzeituhr am Berliner Alexanderplatz verhaftete die Stasi im Frühjahr 1989 Candy Dassler. Damals war er 13 Jahre alt, trug einen auffälligen Haarschnitt und hatte seinen Kassettenrekorder dabei. „Ich wollte eigentlich nur meine erste große Liebe treffen, eine Westbiene, eine Brieffreundin. Aber die Stasi hat mich dort abkassiert“, erzählt er.
Erster Roman im eigenen Verlag
37 Jahre später veröffentlicht Candy Dassler seinen ersten Roman: „Die Weltzeituhr stand still – Ein Jugendlicher zwischen Stasi, Straße und dem Untergang der DDR“. Der 50-Jährige hat bereits ein Buch erfolgreich geschrieben und vermarktet. Sein erstes Buch trägt den Titel „Was gab’s heute in der Schulküche?“; es erschien im Frühling dieses Jahres, und der Verlag bringt in diesen Tagen eine zweite Auflage als Hardcover heraus. Mehrmals war das Buch Amazon-Bestseller.
Jetzt legt er seinen ersten Roman vor, den er ebenfalls in seinem eigenen Ostler-Verlag produziert. „Die Weltzeituhr stand still“ erzählt die letzten Monate der DDR – ganz persönlich. Ein Dreizehnjähriger berichtet aus seiner Perspektive: Er will eigentlich nur Musik machen, dazugehören, sich verlieben und seinen eigenen Weg finden. Er gründet eine Band, handelt mit verbotenen West-Pornobildern, legt sich mit Lehrern an und treibt viel Blödsinn. Er erinnert sich an die Trennung seiner Eltern.
Persönliche Geschichte und Stasi-Akte
Hätten sich seine Eltern nicht scheiden lassen, wäre Candy Dassler vielleicht im Westen aufgewachsen. „Meine Eltern stellten einen Ausreiseantrag, nahmen ihn jedoch wieder zurück“, erzählt er. Seine Familie gehörte zum Freundeskreis des oppositionellen Umfelds um die „Initiative zur Demokratischen Umgestaltung“, die u.a. zur Demonstration am 7. Oktober 1989 in Plauen aufrief. „Mein Onkel Lutz verließ allerdings schon im Sommer 1989 über Ungarn die DDR, meine jüngste Tante Cornelia durfte im Sommer 1989 zu einem Besuch nach West-Berlin reisen, entschied sich aber dann, nicht zurückzukehren.“
Am Tag der großen Plauener Demonstration entstand der erste Eintrag in seiner Stasi-Akte. „Die Akte war dünner, als ich gedacht habe. Grauer Karton, abgestoßene Kanten.“ In der Akte liest er: „Jugendlicher, 13 Jahre. Äußerlich auffällige Haartracht. Provokatorisches Auftreten im öffentlichen Raum.“ Dort erfährt er auch, dass mehrere Briefe an Tina, seiner Brieffreundin aus Frankfurt am Main abgefangen wurden. An den Tag der Verhaftung kann er sich noch gut erinnern: „Ein massiver Schreibtisch. Dahinter ein Mann. Zivil. Windjacke. Unscheinbar. Er sieht aus, wie jemand, der in der Sparkasse arbeitet. Er legt einen Ausweis auf den Tisch. Kurz. Nur einen Moment. Ministerium für Staatssicherheit. Mir wird kalt ...“
Das war nur der Anfang: „Mit dreizehn verstand ich die historische Dimension nicht. Ich erlebte nur, was geschah: Wittenberger Punks und einen Proberaum im Kirchenkeller, Plauen und die Friedensgebete. Demonstrationen, schließlich Leipzig zwischen einem Meer aus Menschen und Kerzen – und am 9. November vor dem Fernseher dieses eine Wort: ´unverzüglich´“. Ein paar Monate später existiert dieses Land nicht mehr.
Verhaftet und verprügelt
Candy Dassler hat die Zeit aufgearbeitet und suchte für seinen Roman einen größeren Verlag. „Ich hatte sogar zwei Zusagen“, erzählt er, doch er lehnte die Bedingungen ab und gründete einen eigenen Verlag. Um sein Buch zu vermarkten, nahm er gemeinsam mit seinem Sohn Leopold einen Podcast auf, den Spotify unter „Die Weltzeituhr stand still“ kostenlos anbietet.
„Wir haben jetzt acht Kapitel aus meinem Buch gelesen. Das Besondere ist, dass mein Sohn jetzt genauso alt ist, wie ich damals. Er liest nun meine Geschichte. Ich musste ihn erst überreden, denn er hat ja keine Beziehung dazu. Aber nun hat er mitbekommen, was damals bei mir abging, in meiner Jugend, und hat natürlich große Augen gemacht. Er hat dann auch selbst gesagt, wie voll krass das war, was ich erlebt habe, so mit der Polizei und vier Tage allein unterwegs sein. Die Volkspolizei verhaftete und verprügelte mich ja auch mehrmals.“
Der Familienvater von vier Kindern bezeichnet sein Buch als Jugendwenderoman. Es enthält Originaldokumente aus seiner Stasi-Akte, abgefangene Briefe und zahlreiche private Fotografien aus dem Jahr 1989. Das Buch kann bereits vorbestellt werden, die ersten 100 Exemplare werden am 1. Oktober versendet.
Das Buch hat auch einen regionalen Bezug zu Mecklenburg-Vorpommern, denn im Kapitel „Dschingis Khan... im Wehrlager ohne Hose“ geht es um das Ferienlager auf Rügen, bei dem Candy Dassler seinen Freund Markus kennenlernte. Der MDR verfilmte bereits Teile der Geschichte auf Rügen in „Der schönste Sommer meiner Kindheit“. Candy Dassler ist nicht nur Autor und Verleger, sondern auch Unternehmer. Er betreibt in Nonnevitz das „Betriebsferienlagers Gera“ auf der Insel Rügen. Dort vermietet er originalgetreue DDR-Bungalows sowie den OST-SEEKIOSK und den Ketwurst-Kiosk. Zudem ist er Inhaber des Getränkekombinats Rügen, in dem „Ostler – Brause & Bier“ hergestellt werden.