Ein Hausboot mit Motorschaden ist bei Windböen der Stärke sieben auf dem Haff steuerlos getrieben. Die Seenotretter der Station Ueckermünde haben es in den Stadthafen geschleppt. Dabei kam es zu einer Kollision: Das Hausboot rammte das Rettungsboot und beschädigte ein Fenster.
Einsatz mit drei Notfällen an einem Nachmittag
Christopher Zabel, Vormann der östlichsten Seenotrettungsstation der DGzRS in Ueckermünde, erinnert sich an den Samstagnachmittag Mitte Juni. Er war im Garten, als der Alarm kam. Ein Hausboot hatte einen Motorschaden und trieb bei starkem Wind. Zabel wies den Havaristen an, den Anker zu werfen. Doch der hielt nicht, und der Frau an Bord wurde wegen der Schaukelei schlecht.
Die Entscheidung fiel schnell: Das größere Seenotrettungsboot Neuharlingersiel sollte zum Schleppen genutzt werden, die kleinere Eva Ahrens-Thies wurde vorausgeschickt. Auf dem Weg dorthin entdeckte Zabel einen umgekippten Surfer hinter den Reusen. Die Eva Ahrens-Thies wurde per Funk angewiesen, umzukehren und den Mann zu retten, der erschöpft nicht mehr auf sein Board kam. Die Kollegen brachten ihn an Bord und zum Strand.
Hausboot rammt Rettungsboot
Beim Hausboot angekommen, lag die Frau unter Deck, Geschirr war aus den Schränken gefallen. Das Boot lag quer zur Welle mit einer Neigung von 30 bis 35 Grad. Dann zog der Mann den Anker zu früh – aus einem Missverständnis. „Deshalb kam das Hausboot mit einer Welle auf uns zugerollt und hat unser Boot gerammt“, so Zabel. Ein Fenster ging zu Bruch, am Hausboot entstand ein Schaden am Dachkasten. Ein Rettungsmann stieg über, um an Bord zu helfen.
Die Schleppverbindung wurde hergestellt. Da das Hausboot etwa drei Seemeilen draußen lag, dauerte die Fahrt in den Hafen rund eine Stunde. Der Hafenmeister war vorher benachrichtigt worden. Zabel merkt an: „Bei dieser Windstärke war es ein gewagtes Unternehmen, das Haff mit einem Hausboot überqueren zu wollen.“
Dritter Notfall: Segelboot im Stellnetz
Kaum war das Hausboot festgemacht, kam der nächste Einsatz. Die Eva Ahrens-Thies fuhr wieder aus, weil ein Segelboot in ein Stellnetz gefahren war und festlag. Der Segler hatte die Fahrrinne verlassen und die Beflaggung nicht gesehen. Die Kollegen schnitten das Ruder frei, der Segler konnte weiterfahren.
Zabel erklärt, dass überwiegend Untiefen, Motorschäden und Netze für Einsätze sorgen. Medizinische Notfälle seien seltener, kämen aber vor.
Brennender Tanker vor Kühlungsborn
Eyck Schuppang, Vormann der Station Kühlungsborn, erlebte im Oktober 2024 seinen größten Einsatz: den Brand des Tankers Annika vor dem Badeort. „Wir wurden am 11. Oktober um 9.30 Uhr mit Stichwort ‚brennender Tanker vor Kühlungsborn‘ alarmiert und sind dann mit dem Seenotrettungsboot Wilma Sikorski hinausgefahren“, erinnert er sich. Der reguläre Kreuzer Konrad-Otto war zur Generalüberholung in Bremen.
Alle sieben Besatzungsmitglieder wurden vom brennenden Tanker geborgen. Der Seenotrettungskreuzer Arkona aus Warnemünde und der Notfallschlepper Baltic waren ebenfalls beteiligt. Die Besatzung wurde medizinisch versorgt, an Land gebracht und dem Rettungsdienst übergeben. Der Einsatz dauerte zweieinhalb Stunden.
Die Station verfügt über 12 Mann, doch die Tagesbereitschaft ist eine Herausforderung, da alle berufstätig sind. „Wir haben im Schnitt rund 20 Einsätze im Jahr. 2026 ist bisher extrem ruhig“, so Schuppang. Der beste Einsatz sei der, der nicht stattfindet.
Segler aus Tasmanien auf Hiddensee gerettet
Carsten Berlin, Vormann auf Hiddensee, berichtet von einem besonderen Fall: Anfang Juli wurde ein 14 Meter langes Segelboot aus Tasmanien gerettet. Der Segler war auf Grund gelaufen und konnte nicht mehr weiter. „Aus eigener Kraft kam er nicht mehr weiter und wir mussten ihn freischleppen“, so Berlin. Wohin der Mann weiter gesegelt ist, weiß er nicht.
Auch auf Hiddensee ist es ruhig. Händler berichten, dass viele Boote zum Verkauf an Land stehen und keine Käufer finden. Der Hafenmeister von Seedorf bemerkte, dass immer weniger junge Menschen Segelsport betreiben. „Wenn in ein paar Jahren die Leute zu alt sind, um zu fahren, könnte es auf dem Wasser leer werden“, betont Berlin. Nachwuchsförderung sei kaum vorhanden.
Ehrenamtliche Retter ohne staatliche Mittel
Die Vormänner aus Ueckermünde, Hiddensee und Kühlungsborn sind Freiwillige. Sie sind berufstätig und im Ehrenamt bei der DGzRS. Insgesamt unterhält die Gesellschaft rund 60 Rettungseinheiten auf 53 Stationen zwischen Borkum und der Pommerschen Bucht. Sie finanziert sich ausschließlich durch Spenden, ohne staatlich-öffentliche Mittel.