Samstagmorgen, kurz nach acht Uhr: Familie Meier aus Pasewalk steigt ins Auto und fährt nicht nach Neubrandenburg oder Greifswald, sondern knapp 40 Kilometer über die Grenze nach Stettin. Wer ein Heimwerker-Projekt durchführt, den Wocheneinkauf erledigt und günstig tankt, kann in Polen weit über hundert Euro sparen.
Bereits an der Grenze bei Kołbaskowo reihen sich Baumärkte, Möbelhäuser, Supermärkte und Fachgeschäfte aneinander. Die Händler haben sich gezielt auf Kundschaft aus Deutschland eingestellt. An Wochenenden stehen auf den Parkplätzen viele Autos mit Kennzeichen aus Vorpommern und Brandenburg.
Sparen im Baumarkt
Erster Halt ist der Baumarkt LeRoy Merlin. Das Gästezimmer im Eigenheim der Meiers – rund 20 Quadratmeter – soll renoviert werden. Wände streichen, Grundierung auftragen, Werkzeug ergänzen. Die Preisvorteile fallen sofort auf: Ein Zehn-Liter-Eimer Beckers Designer White kostet 187 Złoty (rund 44 Euro). In Deutschland liegen vergleichbare Marken-Innenfarben meist zwischen 55 und 80 Euro. Die Grundierung schlägt mit 114 Złoty (etwa 27 Euro) zu Buche, während deutsche Baumärkte häufig 35 bis 50 Euro verlangen. Ein Einweg-Maleroverall kostet 15,79 Złoty (knapp 3,70 Euro), vergleichbare Modelle in Deutschland 5 bis 8 Euro. Ein komplettes Farbroller-Set mit Wanne, Rollen und Abklebeband gibt es für 44 Złoty (rund 10 Euro), in Deutschland sind es oft 15 bis 20 Euro. Je nach benötigter Materialmenge summiert sich der Unterschied auf 50 bis 100 Euro für die Renovierung.
Hürden: Beratung und Gewährleistung
Ganz ohne Hürden läuft der Einkauf aber nicht. Viele Mitarbeiter sprechen Polnisch und teilweise Englisch, kaum Deutsch. Bei einfachen Produkten ist das kein Problem, bei speziellen Fragen oder technischen Artikeln wird die Verständigung schwierig. Auch bei Werkzeugen oder Elektrogeräten sollte der günstige Preis nicht das einzige Argument sein. Zwar gelten EU-weit Gewährleistungsrechte, im Reklamations- oder Garantiefall muss die Ware jedoch meist zum Händler nach Polen zurückgebracht werden. Das kostet Zeit und kann den Preisvorteil schmälern.
Vorschriften für die Rückreise
Wer in Polen einkauft, kann die Waren grundsätzlich problemlos nach Deutschland mitnehmen. Zwischen beiden Ländern gibt es innerhalb des EU-Binnenmarktes keine klassischen Zollgrenzen für private Einkäufe. Eine Ausnahme bilden Alkohol und Tabak: Sie dürfen nur für den persönlichen Bedarf eingeführt werden. Die Zollbehörden orientieren sich an Richtmengen und berücksichtigen weitere Umstände, etwa die Häufigkeit der Fahrten oder ob die Waren zum Weiterverkauf bestimmt sein könnten. Für bestimmte Waren gelten besondere Vorschriften – darunter Arzneimittel, Feuerwerkskörper, Tiere, Pflanzen sowie Kraftstoffe in Reservekanistern. Wer größere Mengen oder spezielle Produkte kaufen möchte, sollte sich vorab beim Zoll oder einer Verbraucherberatung informieren.
Wocheneinkauf im Hypermarkt
Nach dem Baumarkt geht es in den Supermarkt Auchan. In der Fleischabteilung zeigen sich deutliche Unterschiede: Die Tiroler Fleischwurst (270 Gramm) kostet 7,99 Złoty (etwa 1,90 Euro), in Deutschland liegt ein vergleichbares Markenprodukt meist zwischen 2,50 und 3,50 Euro. Ein Paket Putenflügel (750 Gramm) kostet 17,98 Złoty (rund 4,25 Euro) – etwa 5,70 Euro je Kilogramm, während deutsche Preise häufig zwischen 7 und 10 Euro pro Kilogramm liegen. Frischer Fisch ist ebenfalls günstig: Karpfensteaks kosten 5,59 Złoty je 100 Gramm (rund 13 Euro pro Kilogramm), Lachsfilet 8,99 Złoty je 100 Gramm (etwa 21 Euro pro Kilogramm) und liegt damit oft etwas unter deutschen Frischfischtheken. Bei den Molkereiprodukten entdeckt die Familie einen Camembert mit Kürbiskernen für 6,98 Złoty (etwa 1,65 Euro); in Deutschland werden für solche Spezialitäten oft 2,50 bis 4 Euro verlangt.
Bier und Tankstelle
Natürlich darf auch Bier nicht fehlen. Neben internationalen Marken wie Budweiser (0,33 Liter für 5,58 Złoty, rund 1,32 Euro) und Miller Genuine Draft (0,33 Liter für 6,19 Złoty, rund 1,46 Euro) greifen die Meiers zu polnischen Klassikern: Eine Flasche Żywiec Białe oder Łomża (je 0,5 Liter) kostet 4,78 Złoty, umgerechnet etwa 1,13 Euro. Damit liegen die Preise spürbar unter dem Niveau deutscher Supermärkte, besonders wenn dort keine Sonderangebote gelten. Ein kleiner Vorrat polnischen Bieres gehört deshalb zum festen Bestandteil jedes Einkaufs.
Vor der Heimfahrt folgt noch ein Stopp an der Tankstelle: Der Diesel kostet in Stettin 7,99 Złoty je Liter – umgerechnet 1,85 Euro. Für 50 Liter zahlen die Meiers etwa 92 Euro. In Deutschland hätte dieselbe Tankfüllung bei einem durchschnittlichen Dieselpreis von rund 2,18 Euro je Liter etwa 109 Euro gekostet – eine Ersparnis von bis zu 20 Euro.
Bilanz: Ersparnis und Strafzettel
Für Familie Meier lohnt sich die Fahrt eindeutig. Auch beim benachbarten Aldi geht der Sparkurs weiter. Ihr Zwischenfazit: „Allein beim Renovierungsmaterial für das Gästezimmer lassen sich schätzungsweise 70 bis 100 Euro sparen. Beim anschließenden Lebensmitteleinkauf kommen – abhängig vom Einkaufsvolumen – weitere 30 bis 60 Euro hinzu.“ Selbst nach Abzug der Kraftstoffkosten bleibt unter dem Strich eine Ersparnis von deutlich über 100 Euro möglich.
Eigentlich könnte die Familie zufrieden die Heimreise antreten. Der Kofferraum ist voll, das Gästezimmer kann renoviert werden, der Kühlschrank gefüllt. Doch vorher gönnt sich die Familie einen Spaziergang durch die Stettiner Altstadt und kehrt auf einen Kaffee ein. Als sie zum Auto zurückkommt, wartet eine unangenehme Überraschung: 200 Złoty Strafgebühr wegen nicht bezahlter Parkgebühren – umgerechnet knapp 50 Euro. Ein kleiner Moment der Unachtsamkeit frisst einen guten Teil der Ersparnis wieder auf.