Wenn Holger Klaiber an einem Sperrmüllhaufen vorbeifährt, sieht er nicht das, was andere sehen. Der 53-jährige Tischler entdeckt Potenzial in alten Stühlen, Schranktüren oder abgenutzten Fußbodendielen. Für ihn sind das keine Abfälle, sondern der Anfang einer neuen Geschichte. Nachhaltigkeit ist für ihn mehr als ein Schlagwort.
Nachhaltigkeit als Lebensprinzip
„Nachhaltigkeit ist für mich nichts Neues. Ich lebe diesen Gedanken eigentlich mein ganzes Leben“, sagt Klaiber. Ein nachhaltiges Möbelstück müsse langlebig sein, Generationen überdauern und repariert werden können. Entscheidend seien hochwertige Verarbeitung und beständige Materialien.
Aus Alt wird Neu
Klaiber betreibt eine Werkstatt im Kloster Rühn und eine klassische Tischlerei in der 6. Wallstraße in Bützow. Sein Fokus liegt auf Reparatur, Restaurierung und kreativer Weiterverarbeitung. Aus einem alten Jugendstilschrank entsteht etwa eine Schuh- oder Sitzbank. „Wenn ich solche Möbelstücke sehe, frage ich mich immer: Was kann daraus noch werden?“, erzählt er.
Wichtige Bezugsquelle ist der Sperrmüll. Auch Menschen, die Wohnungen auflösen, melden sich bei ihm. „Ich habe mittlerweile eher ein Platzproblem“, sagt er schmunzelnd. Manche Stücke vermittelt er weiter.
Kritik an Zertifikaten
Mit Nachhaltigkeitssiegeln geht Klaiber kritisch um. Materialien seien besonders umweltfreundlich, wenn sie bereits existieren. „Dieses Material muss kein zweites Mal wachsen und auch kein zweites Mal geerntet werden“, erklärt er. Jeder wiederverwendete Balken spare Ressourcen und bewahre Geschichte.
Warum Handarbeit ihren Preis hat
Individuell gefertigte Möbel sind teurer als Massenware. Der aufwendige Prozess beginne bei der Materialauswahl. „Der Kunde kann Einfluss auf sein Möbel nehmen“, sagt Klaiber.
Ein Esstisch erzählt Geschichten
Besonders gern baut Klaiber Esstische. „Ein Esstisch verbindet Menschen“, sagt er. Viele Tischplatten entstehen aus alten Fußbodendielen. Spuren wie Macken oder Wurmlöcher bleiben bewusst erhalten. „Vielleicht sind dort Soldatenstiefel darüber gelaufen, vielleicht hat ein Kind darauf gemalt“, erzählt er.
Werkstatt als Lernort
Seit fast zehn Jahren arbeitet Klaiber im Kloster Rühn. Dort bietet er Kurse für Kinder und Erwachsene an. „Wenn Kinder mit diesem Gedanken aufwachsen, dann trägt sich Nachhaltigkeit weiter.“ In der Bützower Werkstatt stehen klassische Tischlerarbeiten im Vordergrund.
Der „Trümmerengel“
Nach dem Tornado 2015 in Bützow fand Klaiber auf einem Trümmerhaufen ein Stück Holz, das an ein Engelsgewand erinnerte. Daraus entstand der „Trümmerengel“. Passend nutzt er den Begriff „Z(w)eitreise“ – ein Wortspiel aus Zeitreise und zweiter Reise.