Auswanderin Anni kehrt nach zehn Jahren aus Schweden zurück: „Hier liegt meine Komfortzone“
Auswanderin Anni kehrt aus Schweden zurück

Nach zehn Jahren in Schweden ist Anni zurück in Mecklenburg-Vorpommern. Die 41-Jährige lebt wieder in Mönchshof, arbeitet in Rechlin und sagt: „Hier liegt einfach meine Komfortzone.“

Ein Leben in Schweden begann mit einer Begegnung 2006

2006 lernte Anni ihren späteren Mann Erik auf der Fanmeile der Fußball-WM in Berlin kennen. Euphorische Fans schwärmten vom Sommermärchen, und Deutschland galt als „Sieger der Herzen“, doch Italien holte den Titel. Für Anni, die in Mönchshof aufwuchs, begann damals ein neues Kapitel: Der Mann, den sie kennen und lieben lernte, „entführte“ sie nach Schweden. 2012 wanderte sie aus.

„Wir hatten dort ein schönes Haus auf dem Land, ein rotes Häuschen mit zwei Pferden und drei Katzen. Das war total schön“, erzählt sie. Dann kam der Moment, der alles veränderte: Nach 15 Jahren verließ er sie, und Anni traf die Entscheidung, wieder nach Deutschland zurückzugehen. „Ich hatte die ganze Zeit Heimweh“, resümiert sie.

Die Mentalität der Schweden war fremd

Auch wenn viele Menschen Schweden als Traum-Auswandererland darstellen, war es das für Anni nicht. Sie bedauert, dass sie keinen richtigen Anschluss fand – und das trotz ihrer schwedischen Sprachkenntnisse, die sie an der Volkshochschule erwarb, und ihrer offenen Art.

„Die waren toll, aber auch sehr oberflächlich. Ich habe ganz oft gehört, wie sie sagten: Anni, du bist aber immer direkt und so ehrlich. Und sie waren immer ganz geschockt, dass ich einfach aussprach, was ich gerade dachte.“ Oft fragte sie sich, warum die Schweden so sind. „Sie haben ihr Leben lang gelernt, Konflikten aus dem Weg zu gehen, und sie sehen immer das Positive in allem. Das ist zwar sehr lobenswert, aber auch wenig authentisch.“

Mit dieser Mentalität kam sie nicht zurecht und wünschte sich, dass die anderen auch mal Solidarität zeigen, wenn sie von einem schlechten Tag erzählte. Stattdessen, so berichtet sie: „Die wollen das nicht wissen. Sie winken dann ab, und das finde ich unangenehm.“ Mit ihrer etwas anderen Art hatte Anni nicht viele schwedische Freunde. „Eigentlich nur meine Nachbarn, Emma und Urban. Wir besuchen uns ganz oft. Mit den anderen wurde ich nicht warm.“

Jobs und Hauskredit waren einfach

In Schweden fand Anni immer einen Job. Ihr Vorteil: Sie sprach Deutsch, Englisch und Schwedisch. Sie arbeitete hauptsächlich im Kundendienst, oder als Verkäuferin im Innendienst. „Arbeitgeber boten mir diese Stellen immer an, und ich habe gut verdient.“

Durch die Jobs erhielt das junge Pärchen einen Kredit für sein Haus. „Das ist ganz cool an Schweden: Man kann sich als junger Mensch relativ schnell ein Haus kaufen. Hat man einen festen Job, vergibt die Bank schon einen Kredit. Das geht ganz einfach. Hier ist das, glaube ich, ein bisschen schwieriger.“

Das Wetter machte mürbe

Die junge Frau fühlte sich in Borås, einer Stadt mit unter 100.000 Einwohnern, 50 Autominuten von Göteborg in Westschweden, auch aus einem zweiten entscheidenden Grund nicht wohl: das Wetter. „Da regnet es öfter als in London. Und das soll schon etwas heißen. Außerdem ist es viel kälter und viel dunkler als hier. Das hat mir wirklich zu schaffen gemacht.“ Sie hatte sich ein Leben mit Bullerbü-Feeling vorgestellt. „Ich war immer gern draußen und hatte meine Pferde mitgenommen. Aber es war ja immer Matsche.“

Auch die Jahreszeiten verlaufen in Schweden anders als in Deutschland. „Der Frühling beginnt einen Monat später als hier und der Herbst einen Monat früher. Im August herrschte schon fast Herbstfeeling, während hier noch Hochsommer ist.“

Das Heimweh überwog

Damit hätte sie sich jedoch noch arrangiert, wenn ihr Mann vielleicht doch zugestimmt hätte, ein paar Jahre in Deutschland zu wohnen. „Dazu ist es aber nicht mehr gekommen.“ 2021 packte sie ihre Koffer. Sie wollte in Schweden keinen neuen Mann suchen und fuhr heim – zu ihrer damals noch lebenden Mutter, zu ihrer Familie und zu Freunden. „Ich habe gemerkt, da möchte ich nicht mehr sein. Und das war die richtige Entscheidung.“

Anni liebt ihre Heimat und lacht, als sie sagt: „Also, so verrückt Mecklenburg auch ist, mit ein bisschen Mecker-Mentalität – es ist genau das Gegenteil von Schweden, und hier liegt einfach meine Komfortzone.“

Zurück in MV: Arbeit in Rechlin

Anni wohnt jetzt im Haus ihrer verstorbenen Mutter. In Rechlin arbeitet sie in der Touristeninformation und ist zuständig für das Marketing. „Hier ist es fast wie in Schweden. Nur haben wir weniger rote Häuser, und nicht jeder besitzt ein Haus am See. Ich wohne neben dem Naturschutzgebiet und begegne vielen verrückten Tierarten.“

Vom Auswandern nach Schweden rät sie niemandem ab, betont aber, dass man den Schritt gut durchdenken sollte. Sie sagt, es gebe genug Jobs, und Arbeitgeber schätzen ihre Mitarbeiter dort ganz anders als in Deutschland: „Ich habe in mehreren, auch großen Firmen gearbeitet. Alles lief auf Augenhöhe, es gab keine Hierarchien, und die Unternehmen kümmerten sich wirklich darum, ihre Arbeitnehmer zu halten. Das hat hier leider noch nicht Einzug gehalten.“

Firmen wertschätzen ihre Mitarbeiter mehr

Die Firmen luden sie zu Festen ein oder beschenkten sie. „Eine Firma flog mit der gesamten Belegschaft nach New York, andere organisierten jedes Jahr zwei Reisen. Eine Outdoor-Klamottenmarke stattete uns ständig mit Kleidung aus. Das machte wirklich einen Unterschied. Die Unternehmen zeigten sich sehr großzügig und verstanden, dass sie ihre Leute bei sich behalten müssen. Außerdem wirkten die Menschen dort sehr entspannt.

In Deutschland sind die Leute oft ziemlich verbissen. Vielleicht ist das aber gar nicht so schlecht. Vielleicht stehen wir deshalb wirtschaftlich so weit vorn?“ In Schweden, berichtet Anni, lösen Menschen Probleme anders: „Wenn niemand eine Lösung findet, machen alle erst einmal Kaffeepause. Das heißt auf Schwedisch Fika. Danach reden sie – oft wieder über dasselbe –, finden oft trotzdem keine Lösung und sagen dann: ‚Vielen Dank für dieses gute Meeting.‘ Das passierte gerne mal, und ich dachte jedes Mal: Oh Gott, wie kriegen die Leute hier überhaupt etwas auf die Reihe? Wie bauen sie überhaupt eine Wirtschaft auf?“

Neuen Mann auf dem Dorffest kennengelernt

Anni hat ihr Glück in Mecklenburg-Vorpommern wiedergefunden. Eines Tages stand bei einem Dorffest ein Niederländer namens Gerben vor ihr. Ein dreiviertel Jahr nach ihrer Trennung, verbunden mit vielen Tränen, Selbstzweifeln und der Sorge um ihren zehnjährigen Sohn Franz, lernte sie den neuen Mann in ihrem Leben kennen.

Das Thema Auswandern kehrte auf die Tagesordnung zurück, denn ihr neuer Partner brachte die Idee auf, nach Kanada zu gehen, wo er zuvor schon viele Jahre lebte. Anni sagte nein, weil sie froh ist, wieder hier zu sein. Sie wandert überhaupt nicht mehr irgendwohin aus und schon gar nicht für einen Mann. „Daraus habe ich gelernt“.

Ritual beim Schwedenbesuch beibehalten

Die 41-Jährige reist noch immer mehrmals im Jahr nach Schweden. Dort trifft sie unter anderem ihre Freundin, die direkt am See wohnt. Beide pflegen ein Ritual: „Wir kaufen uns Shrimps und essen sie am Strand. Darauf freue ich mich immer. Dann sitzen wir am Strand, pulen Krabben und quatschen. Das ist total schön.“

Sie versteht gut, warum Menschen ihren Urlaub gern in Schweden verbringen. „Ich würde auch niemals dazu raten, es zu lassen – auch nicht beim Auswandern.“ Gleichzeitig würde sie selbst niemals einfach so in ein fremdes Land ziehen. Sie hatte den Vorteil, dass ihr Mann in Schweden lebte, und das erleichterte vieles.

„Ich glaube, viele unterschätzen das. Die Menschen nehmen einen nicht sofort mit offenen Armen auf. Man muss ganz schön viel selbst erledigen, und man fällt nicht automatisch in die Sozialsysteme.“ Sie erklärt: „Die Krankenkasse funktioniert in Schweden einfach. Wer eine Personennummer hat, ist automatisch krankenversichert, ohne etwas zu zahlen.“ Dementsprechend schätzt sie auch die Qualität ein. „Man bekommt zwar Hilfe, aber manchmal wartet man ewig. Eine Tetanusimpfung gibt es nur alle 20 Jahre und den Zellabstrich bei Frauen nur jedes fünfte bzw. siebte Jahr. Manchmal erhält man nicht die richtige Hilfe und wird nur mit Schmerztabletten nach Hause geschickt. Hier ist das schon viel besser.“

Ortswechsel als Abenteuer sehen

Trotzdem ermutigt sie jeden, der Lust aufs Auswandern hat, das als Abenteuer zu sehen und es zu probieren. „Es muss nicht unbedingt ein anderes Land sein. Hauptsache, man kommt mal raus – da reicht auch schon ein Ortswechsel von Mecklenburg-Vorpommern in eine Großstadt.“ Sie rät: Niemand sollte einfach frustriert abhauen, weil „alles Mist ist“. Stattdessen solle man sagen: „Wir gehen jetzt mal für ein paar Jahre weg, um zu schauen, wie es woanders ist“ – und sich immer die Option offenlassen, vielleicht wiederzukommen.

Spaßiges Spiel zum Mittsommer

Anni ist erst vor wenigen Tagen aus Schweden zurückgekehrt. „Wir haben dort Mittsommer gefeiert.“ Sie hat das traditionelle Fest geliebt. „Immer am Freitag um den 21. Juni herum feiern die Leute. Es ist zwar kein offizieller Feiertag, aber fast alle haben trotzdem frei.

Auf dem Land, wo ich wohnte, haben wir uns am Midsommarafton, also am Tag vor dem Mittsommertag, um zehn Uhr getroffen und Sumpfball gespielt. Meine Nachbarn hatten einen Sumpf neben dem Hof, und wir haben, bis zum Bauchnabel im Schlamm steckend, Ball gespielt. Das war mega lustig und eine riesengroße Sauerei. Alle haben mitgemacht, Kinder ebenso wie Erwachsene. Danach hat uns jemand mit dem Schlauch abgespritzt. Das hat immer Spaß gemacht. Mittlerweile sind wir ein wenig zu alt dafür.“

Danach gehen alle zum Fest und tanzen um die Mitsommerstange, erklärt sie. Anschließend trinken sie Kaffee und essen Kuchen. „Dann gehen alle nach Hause. Meistens grillen wir, trinken viel, und es bleibt ewig lange hell. Zu Mittsommer isst man natürlich auch Lunch. Wir servieren dann Hering „Sil“ aus dem Glas, Frühkartoffeln, saure Sahne mit Schnittlauch. Das gibt es allerdings auch zu Weihnachten und Ostern.“