Nordöstlich von Boizenburg/Elbe stand bis 1943 eines der auffälligsten Gebäude Mecklenburgs. Das Herrenhaus Wiebendorf galt als größtes und prunkvollstes Herrenhaus Westmecklenburgs. Heute ist vom Hauptbau kaum noch etwas zu sehen. Die wenigen Reste liegen größtenteils auf Privatflächen und sind nicht frei zugänglich.
Gutsanlage in Wiebendorf noch ablesbar
Im Ort selbst ist die frühere Gutsanlage aber noch ablesbar. Erhalten sind unter anderem Gutsarbeiterhäuser, Wirtschaftsgebäude, Mauerstücke, der Pavillon und der Pferdestall mit Wasserturm. Sie zeigen, dass hier Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur ein großes Haus entstand, sondern ein Gutshof mit erheblichem Anspruch.
Vom Gutshof zum teuren Prestigeprojekt
1876 kaufte Carl Hermann Theodor Haase das Gut Wiebendorf und den Hof Bretzin von der Familie von Witzendorff. Haase war Hamburger Unternehmer und Pächter der Hamburger Gaswerke. Ein Landgut war für wohlhabende Hamburger damals ein sichtbares Zeichen ihres Erfolgs. In Wiebendorf setzte Haase dieses Zeichen besonders groß.
Das ältere Gutshaus an der Schaale ließ er abbrechen. Für den Neubau beauftragte er die Hamburger Architekten Martin Haller und Leopold Lamprecht. Haller hatte in Hamburg bereits Villen und städtische Gebäude geplant. Haase hatte für Wiebendorf eine klare Vorstellung: Die Kuppel sollte so hoch werden wie die des Charlottenburger Schlosses. Er wollte seine „Bude“ schon von der Bahnstation Boizenburg aus sehen können.
Kosten und Ausstattung des Herrenhauses
1882 begannen die Bauarbeiten, 1884 konnte Haase einziehen. Die Kosten waren enorm: 390.000 Mark für den Bau, weitere 154.000 Mark für die Einrichtung. Nach heutiger Kaufkraft entsprach das mehreren Millionen Euro.
Das Herrenhaus war mehr als 51 Meter breit, fast 29 Meter tief und erreichte mit der Kuppel 37 Meter Höhe. Im Inneren standen 16 Säulen aus Carrara-Marmor. Dazu kamen eine Marmortreppe mit Bronzegeländer, aufwendige Holzarbeiten, Wand- und Deckenmalereien sowie moderne Haustechnik mit Heizung und Gasanlage.
Modernisierung des Gutshofs
Haase ließ nicht nur das Herrenhaus bauen. Auch der Gutshof wurde umgestaltet. Entlang der Straße entstanden neue Landarbeiterhäuser, außerdem Wirtschaftsgebäude, ein Gärtnerhaus, eine Orangerie, ein Pavillon und der Pferdestall mit Wasserturm. Viele dieser Bauten prägen Wiebendorf bis heute.
Auch technisch wurde das Gut modernisiert. Haase ließ Felder entwässern, Wege befestigen, eine Brücke über die Schaale bauen und Heideflächen aufforsten. Ein kleines Kraftwerk am Schaaleufer erzeugte Strom. Über den Turm des Pferdestalls wurde Wasser in die Ställe geleitet.
Niedergang und Sprengung
Nach Haases Tod blieb Wiebendorf zunächst in der Familie. Sein Sohn Curt von Haase ließ 1910 den Landschaftspark neu gestalten und dabei auch die Schaale einbeziehen. Von dieser Parkanlage sind heute nur noch Grundzüge und Teile des alten Baumbestandes erhalten.
Das Gut blieb ein aufwendig unterhaltenes Anwesen – mit großem Haus, Park, Nebengebäuden und landwirtschaftlichem Betrieb. Gerade dieser Aufwand wurde später zum Problem.
In den 1930er Jahren geriet das Gut finanziell unter Druck. Nach Zwangsverwaltung und Verkauf wechselte Wiebendorf den Besitzer. Das Herrenhaus war da noch keine 60 Jahre alt, aber offenbar längst kein leicht zu haltender Besitz mehr. In der NS-Zeit wurde das Gebäude beschlagnahmt. Statt einer Sanierung folgte die Aufgabe des Gebäudes. Als Gründe für sein Ende werden hohe Unterhaltungskosten, Baumängel und ein schlechter Zustand der Kuppel genannt.
Ausgeräumt und gesprengt
Vor der Zerstörung soll die wertvolle Innenausstattung ausgebaut worden sein. Marmor, Möbel, Bilder und andere Teile verschwanden aus dem Haus. Wohin alles gelangte, lässt sich nicht mehr zuverlässig klären.
Das Ende fiel in die Kriegsjahre 1942/43. Der Bau wurde gesprengt beziehungsweise weitgehend zerstört. Noch vor Kriegsende stand vom einstigen Herrenhaus kaum noch etwas. Nach 1945 sprengten sowjetische Einheiten die Ruine dann endgültig.
Was heute vom Gut erhalten ist
Vom Hauptbau blieben Trümmer und wenige kaum sichtbare Reste. Deutlich präsenter sind die Nebengebäude der früheren Gutsanlage. Die Gutsarbeiterhäuser wurden nach der Wiedervereinigung verkauft und schrittweise saniert. Der Pavillon wurde denkmalgerecht instand gesetzt.
Auch Teile der alten Gutsgartenmauer sind erhalten. Fast 80 Meter wurden zuletzt für mehr als 90.000 Euro gesichert, 65 Prozent davon über Fördermittel. Vom Herrenhaus selbst blieben kaum mehr als ein paar Trümmer. Die sichtbarste Geschichte des Gutes steckt heute in den Nebengebäuden, Mauern und Arbeiterhäusern.