High Heels in Waren: Kieztour verbindet Stadtgeschichte und Kabarett
High Heels in Waren: Kieztour verbindet Geschichte und Kabarett

In High Heels und mit auffälliger Haarpracht kam Barbara Lochowicz zum Haus des Gastes am Neuen Markt. Dort warteten bereits die Teilnehmer der ersten Warener Kieztour – und ausgerechnet die sonst um keinen Spruch verlegene selbst ernannte „Tunte“ gestand gleich zu Beginn: „Ich bin heute aufgeregter als sonst, denn die wissen mehr als ich und können euch zumindest über die Stadt Waren besser aufklären.“

Mit „die“ waren die Warener Stadtführer gemeint. Fünf von ihnen hatten sich unter die insgesamt 25 Teilnehmer gemischt. Denn bei der mit FSK 18 angekündigten Tour, die gemeinsam mit dem Verein Queer am See veranstaltet wurde, sollten zwei Welten zusammenkommen: klassische Stadtgeschichte und queere Geschichte, serviert mit einer guten Portion Kabarett – gelegentlich auch etwas unterhalb der Gürtellinie.

Zwischen Stadtgeschichte und frivolen Geschichten

In Neubrandenburg bietet sie bereits Kieztouren mit wechselnden Protagonisten an: Andere liefern Wissenswertes über die jeweilige Stadt, Barbara übernimmt den queeren und kabarettistischen Teil. Die Grundidee solcher Touren führt sie auf Olivia Jones zurück, Deutschlands wohl bekannteste Dragqueen, die mit ihren Kieztouren in Hamburg seit Jahren Gäste über die Reeperbahn führt.

Eine Verbindung nach Waren fand Stadtführer Klaus Lambrecht prompt: Olivia Jones wurde in Warens niedersächsischer Partnerstadt Springe geboren.

Dann setzte sich die ungewöhnliche Stadtführung in Bewegung. Wer sich angesichts des Altstadtpflasters fragte, wie Barbara auf ihren enorm hohen Absätzen überhaupt vorwärtskam, bekam unterwegs gleich die passende Anleitung geliefert: Eine Seite der Hüfte nach oben ziehen und dabei das Bein nach vorn schwingen, dann das Ganze mit der anderen Seite wiederholen. So entstehe jener Gang, dem Männer gerne hinterherschauten, erklärte sie. Der Nachteil – Irgendwann würden ihr dabei die Beine taub.

Humor und Information gegen Berührungsängste

Solche Spitzen gehörten zum Programm. Barbara, die sich selbst augenzwinkernd als „dicke Tante“ bezeichnet, sprach immer wieder über queere Themen und über Konflikte und Anfeindungen innerhalb der Community. Die Mischung aus Humor und Information soll Berührungsängste abbauen und queere Kultur für Interessierte greifbarer werden lassen.

Auch die Warener Stadtführer hatten während des Rundgangs immer wieder ein Schmunzeln auf den Lippen. Erste Gespräche darüber, künftig gemeinsam eine Tour auf die Beine zu stellen, gab es bereits.

Erstmal testen, wie es läuft

Auch Lilo Wanders und die Hamburger Reeperbahn spielten während der Tour eine Rolle. Barbara erzählte von den Anfängen der Kunstfigur, die später mit der Fernsehsendung „Wa(h)re Liebe“ bundesweit bekannt wurde, und schlug damit immer wieder den Bogen zwischen Unterhaltung und queerer Kulturgeschichte.

Die erste Warener Kieztour war zugleich ein Testlauf. In einer Feedbackrunde sollten die Teilnehmer sagen, was funktioniert hat und was bei einer möglichen Fortsetzung anders werden könnte. Langfristiges Ziel ist es, die Stadtgeschichte der Warener Gästeführer mit Barbaras queeren Kabarett zu einem gemeinsamen Angebot zu verbinden.

Hannes Stöhr vom Verein Queer am See zeigte sich nach der Premiere jedenfalls zufrieden. „Dass doch so viele Menschen kommen, hat mich sehr überrascht“, sagte er. Auch unter den Teilnehmern fiel das erste Fazit positiv aus. Die Kieztour nach Waren zu holen, sei „eine gute Idee“, hieß es, bevor die Gruppe den Abend in Lenk’s Restaurant ausklingen ließ.