Nach Bein-Amputation: Alexander aus Mistorf kämpft als Mutmacher
Nach Bein-Amputation: Alexander aus Mistorf kämpft als Mutmacher

Es ist ein heißer Sommertag im Juni 2026, als Alexander in einem eleganten grünen Anzug im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin steht. Um ihn herum drängen sich Politiker, Journalisten und Fotografen. Für Alexander, einen „ganz normalen, stinknormalen Menschen“, der früher als Traktorist auf den Feldern arbeitete und später als Krankenpflegehelfer im Schichtdienst schuftete, ist es eine surreale Welt.

Ein zerrissenes Hosenbein für das perfekte Motiv

Monate zuvor hatte er in einer Fachzeitschrift des Bundesverbandes für Menschen mit Arm- oder Beinamputation (BMAB) einen kleinen Aufruf entdeckt. Es wurden Teilnehmer für ein Fotoprojekt gesucht. Kurzentschlossen schrieb er am Sonntagabend eine E-Mail. Am Montagmorgen kam bereits die Zusage. Wenig später fand er sich in Berlin bei einem professionellen Fotoshooting wieder, organisiert vom Gesundheitsunternehmen Abbott und fotografiert vom renommierten deutschen Fotografen Kristian Schuller.

„Die haben uns aufgenommen wie eine Familie“, erinnert sich Alexander schmunzelnd an das Fotoshooting. Die Stylisten verpassten ihm den grünen Anzug, und weil die speziell angepasste Hose mit seitlichen Reißverschlüssen das Prothesenbein verdeckt hätte, wurde die Hose für das perfekte Motiv kurzerhand bis zum Knie aufgerissen. Ein langer Tag für den Mann aus Mistorf.

„Schuller sagte zu mir: ‚Alexander, alles nicht schlimm. Wenn wir mit Ihnen fertig sind, wissen wir, wie es geht. Die anderen gehen dann viel schneller.‛“ Das fertige Portrait zeigt einen stolzen Mann, der aufrecht – und unübersehbar zu seinem künstlichen Bein steht.

Ein Gesicht für die nackte Statistik

Hinter dem ausdrucksstarken Motiv steckt die bundesweite Kampagne „AmpuNation“, die vom globalen Gesundheitsunternehmen Abbott ins Leben gerufen wurde. Die Initiative will den Menschen hinter den nackten Statistiken ein Gesicht geben. Denn jährlich werden in Deutschland mehr als 70.000 Amputationen an den Extremitäten durchgeführt – eine erschreckend hohe Zahl, von der Experten schätzen, dass ein Großteil durch rechtzeitige Aufklärung und moderne Therapien vermeidbar gewesen wäre.

Der Weg zu diesem neugewonnenen Lebensmut war jedoch eine jahrelange, schmerzhafte Odyssee, die im Jahr 2012 begann. Damals stellte ein Oberarzt bei Alexander eine Arteriosklerose fest. „Er sagte, ich hätte die Arterien eines jungen Fräuleins. Das klingt zwar nett, bedeutet aber, dass sie winzig und dünn sind – und solche Adern verstopfen verdammt schnell“, erklärt Alexander.

Von der Zigarette zur Schaufensterkrankheit

Er war damals starker Raucher, qualmte seit seinem 14. Lebensjahr. Das Nikotin verengte die ohnehin feinen Gefäße zusätzlich. Die Quittung folgte schleichend, aber unbarmherzig. Es entwickelte sich eine periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK), im Volksmund auch „Schaufensterkrankheit“ genannt. Beim Gehen zog sich das Bein schmerzhaft zusammen. Im Wachdienst, wo er weite Kontrollrunden laufen musste, behalf er sich mit heimlichen Tricks und Pausen. Seine Ehefrau Ute, die er Ende der 1990er-Jahre über den Blindenverband kennengelernt hatte, ahnte schon früh, dass die Gefäße die Ursache sein könnten.

Im Jahr 2014 kam es zum ersten dramatischen Kollaps: Ein akuter Gefäßverschluss führte dazu, dass Alexanders Unterschenkel durch den extremen Gewebedruck auf 34 Zentimeter Umfang anschwoll und komplett aufgeschnitten werden musste, um das Bein zu retten. Bypässe und Stents wurden gelegt. In den darauffolgenden Jahren war Alexander Stammgast im Krankenhaus, manchmal zwei- oder dreimal im Jahr. Einmal erlitt er einen akuten Verschluss, als er gerade auf der Leiter stand, um die Weihnachtsbeleuchtung anzuhängen.

Die schwerste Entscheidung an Ostern

Ostern 2020 erreichte das Drama seinen Höhepunkt. Mitten in der ersten, strengen Corona-Welle lag Alexander mit hohem Fieber in einem isolierten Einzelzimmer im Güstrower Krankenhaus. Innerhalb von nur einer Woche erlitt er drei oder vier erneute Gefäßverschlüsse. „Das Bein wurde einfach nicht mehr warm. Es war taub, eiskalt und blass“, beschreibt er den Zustand. Da wusste er: „Das wird nichts mehr.“

Gemeinsam mit den Ärzten und seiner Frau Ute, die trotz des strengen Pandemie-Verbots ausnahmsweise zu ihm ins Krankenhaus durfte, traf er die schwerste Entscheidung seines Lebens: Das rechte Bein sollte unterhalb des Knies amputiert werden. „Der Arzt hat damals in die Akte geschrieben: Amputation auf eigenen Wunsch“, erinnert sich Alexander. Es war kein Wunsch, sondern die Erlösung von unerträglichen Schmerzen.

Gleichzeitig nutzte Alexander die Zwangslage für einen radikalen Schnitt: Weil er fünf Wochen das Bett nicht verlassen durfte, griff er zu Nikotinpflastern und hörte nach fast 40 Jahren von heute auf morgen auf zu rauchen. „Das Trinken hatte ich mir ja schon 1997 abgewöhnt. Ohne diese Entscheidung hätte ich Ute nie kennengelernt. Und jetzt war das Rauchen dran.“

Nach der Operation stand das Ehepaar vor neuen Herausforderungen. „Im Krankenhaus wurde ich im Grunde allein gelassen“, berichtet Alexander enttäuscht. Keine psychologische Betreuung, keine Anleitung, wie man den Stumpf wickelt, damit er eine feste Form für die spätere Prothese annimmt. Es dauerte fast ein ganzes Jahr voller Schmerzen und Fehlversuche, bis er seine erste Interimsprothese bekam.

Neuanfang mit Elli, Max und Moritz

Doch Alexander fand seinen Humor wieder. Ihm wurde gesagt, dass man zu einem künstlichen Bein eine echte Beziehung aufbauen muss. So taufte er seine Prothese kurzerhand „Elli“. Seine beiden unentbehrlichen Unterarmgehhilfen, die ihn auch abends begleiten, wenn „Elli“ gereinigt wird, heißen „Max und Moritz“. „Das ist ganz logisch“, erklärt Alexander schmunzelnd. „In Deutschland liest man von links nach rechts. Also ist links Max und rechts Moritz.“

Zusammen mit „Elli“ kämpfte sich Alexander zurück ins Leben. Auf dem weitläufigen Grundstück in Mistorf gibt es immer Arbeit. Auch wenn es ihm schwerfällt, Dinge aus der Hand zu geben, hat er gelernt, Hilfe anzunehmen. Dabei engagiert er sich selber gerne. Wenn er im Sommer den Rasen seiner über 80-jährigen Nachbarin mit dem Traktor mäht oder in seiner gemütlichen Werkstattecke detailreiche Miniatur-Buchstützen, sogenannte „Book Nooks“ bastelt, vergisst er die Prothese.

Eine ganz besondere Tradition verbindet das Ehepaar mit seiner Nachbarschaft. Jedes Jahr im Herbst verwandelt sich ihr Grundstück in ein Weihnachtswunderland. „Wir sind das hellste Haus im Dorf und Umgebung“, erzählt Alexander stolz. Was als Spaß unter Nachbarn begann, lockt heute Jahr für Jahr das halbe Dorf an. Die Freiwillige Feuerwehr sperrt die Straße ab, es gibt Glühwein, Suppe und der Weihnachtsmann fährt auf einem Traktor vor.

Da Alexander wegen der Prothese nicht mehr auf Leitern steigen soll, bekommt er beim Aufhängen der Lichterketten in den Bäumen inzwischen tatkräftige Unterstützung von seinen Kameraden aus dem Förderverein der Feuerwehr. „Da muss man auch lernen loszulassen und zu akzeptieren, wenn andere die Lichter anders aufhängen, als man es selbst im Kopf hatte“, gesteht er schmunzelnd.

Alexander hat noch viel vor. Noch im August steht ein ungewöhnlicher Termin an: Er und seine Frau fahren nach Neustrelitz, um sich bei einer Friseurprüfung als Haarmodelle zur Verfügung zu stellen. „Man muss jungen Leuten ja helfen“, meint der ehemalige Krankenpfleger. Zudem wartet er auf ein neues, stabileres Rollstuhlmodell, um im Alltag noch mobiler zu sein.

Als Mutmacher zurück ins Krankenhaus

Sein nächstes Herzensprojekt liegt jedoch direkt vor seiner Haustür. Er möchte im Güstrower Krankenhaus eine ehrenamtliche Peer-Beratung aufbauen. Denn seine schwerste Erfahrung nach der Amputation war das Gefühl, medizinisch und seelisch allein gelassen worden zu sein. Das will Alexander nun für andere ändern. Nach seinen Angaben zeigten sich die Ärzte und das Pflegepersonal im Güstrower Krankenhaus bei einem ersten Gespräch bereits angetan von seiner Initiative.

Für Alexander wäre dies die schönste Bestätigung seines Weges: „Es muss nicht jedem so gehen wie mir. Auf Augenhöhe miteinander zu sprechen und zu zeigen, dass das Leben weitergeht – das ist jetzt meine Aufgabe.“