Millimeter vor Flutung: Starkregen bringt Röbel unter Zugzwang
Millimeter vor Flutung: Starkregen bringt Röbel unter Zugzwang

Nur zusätzliche Pumpen haben im Frühjahr in Röbel ein unkontrolliertes Volllaufen des Polders Weiße Brücke verhindert. Das bislang vor allem als Streit um Pachtflächen und mögliche Wiedervernässung wahrgenommene Thema bekam im Bauausschuss damit eine neue Dimension. Röbels Bürgermeister Matthias Radtke und Wolfgang Gallinat vom Wasser- und Bodenverband Müritz warnten davor, den jetzigen Zustand einfach fortzuführen.

Starkregen am 20. April bringt Deich an den Rand

Auslöser war ein Starkregenereignis am 20. April. Nach Angaben Radtkes fielen damals 90 bis 100 Liter Regen pro Quadratmeter. Der Deich habe kurz vor dem Bruch gestanden. Nur durch zusätzliche Pumpen von Feuerwehr und Wasser- und Bodenverband sei die Situation beherrscht worden.

„An diesem Tag haben wir festgestellt, dass wir das Gebiet nur halten können, wenn wir in die Instandsetzung des Damms und des Schöpfwerkes investieren“, sagte Matthias Radtke am Mittwoch im Ausschuss für Bau- und Stadtentwicklung. Die Kostenschätzung dafür liege bei rund 450.000 Euro. Die laufenden Kosten von 1000 bis 3000 Euro jährlich trage die Stadt.

Polder stand „Millimeter vor einer unkontrollierten Flutung“

Wie knapp es gewesen sei, verdeutlichte Gallinat, Geschäftsführer des Wasser- und Bodenverbandes Müritz. Er kennt das Schöpfwerk aus eigener Erfahrung: Als Lehrling zum Meliorationstechniker half er 1978/79 selbst bei dessen Bau. Der Polder sei damals für eine landwirtschaftliche Nutzung durch die LPG geschaffen worden. Zuvor habe der Dambecker Graben für einen natürlichen Abfluss gesorgt, der mit der Herstellung des Polders entlang des Schwarzen Weges verlegt wurde. Wegen der mächtigen Moorböden sei die landwirtschaftliche Nutzung jedoch gescheitert und die Flächen wurden an Bürger verpachtet.

Das Problem verschärfe sich seitdem: „Entwässerung der Moore bedeutet jährlichen Höhenverlust auf der Fläche“, und Unterhaltung von Deich und Schöpfwerk würden immer schwieriger, so Gallinat. Zudem habe sich der Verdacht auf Nutrias als weiteres Problem in diesem Bereich bestätigt. Am 20. April habe der Polder „Millimeter vor einer unkontrollierten Flutung“ gestanden, die zu irreparablen Schäden am Schöpfwerk und weiteren Anlagen geführt hätten. „Wir müssen uns mit der Planung beeilen“, mahnte Gallinat. Komme ein vergleichbares Starkregenereignis erneut, könne es passieren, „dass die Natur für uns plant“. Dann brauche es weder Machbarkeitsstudie noch Standortuntersuchung.

Risiken für die Gemeinschaft abwägen

Die Alternative, alles beim Alten zu belassen, ist nach dem Starkregen aus Sicht der Verantwortlichen ebenfalls problematisch. „Ziel aller Überlegungen war und ist es immer, Schaden von der Stadt und natürlich auch von den Pächtern abzuwenden“, betonte Radtke. Eine unkontrollierte Überflutung müsse auch deshalb verhindert werden, weil vorhandener Unrat ins Wasser und in den Boden gelangen könnte. Den Unmut langjähriger Nutzer könne er verstehen, die Stadt müsse jedoch die Risiken für die Gemeinschaft insgesamt abwägen.

Auch die bisher genannten Kosten sind Gallinat zufolge mit Vorsicht zu betrachten. Darin fehlen mögliche Auflagen von Umweltbehörden und anderen Trägern öffentlicher Belange sowie eventuell notwendige Ausgleichsmaßnahmen sowie Untersuchungen des Baugrundes. Auf dem moorigen Gelände könnten Baustraßen und Maßnahmen zur Stabilisierung erforderlich werden. Diese Kosten seien derzeit schwer kalkulierbar.

Kritik an Informationspolitik

Kritik an der Informationspolitik äußerte Heike Zoch von der Mietergemeinschaft Wobau. Zwar seien Informationen im Ratsinformationssystem zu finden, dort fehle jedoch der Zusammenhang, um die Vorgänge nachvollziehen zu können. Eine so detaillierte Erläuterung wie nun im Ausschuss hätte sie sich früher gewünscht. Die Behauptung der Pächter, die Pumpen seien bereits abgestellt worden, wurde im Ausschuss ausdrücklich zurückgewiesen. Zudem soll der Schwarze Weg nach den bisherigen Überlegungen erhalten bleiben. Damit bliebe die Verbindung für Schüler, Spaziergänger und Radfahrer in Richtung Innenstadt bestehen.