Goethe.Werther.Eisermann.: André Eisermann bringt Werther als Popkultur nach Güstrow
André Eisermann bringt Werther als Popkultur nach Güstrow

Schauspieler André Eisermann bringt am 26. September um 19.30 Uhr Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ als Spoken-Word-Performance mit Live-Klavier ins Ernst-Barlach-Theater Güstrow. Begleitet wird er von Pianist Jakob Vinje. Im Vorfeld sprach er über verletzliche Helden, die Sehnsüchte von damals und Parallelen zur heutigen Social-Media-Welt.

Werther als emotionaler Verwandter früherer Rollen

Auf die Frage, ob Werther der logische emotionale Verwandte seiner extremen Filmcharaktere wie Elias Adler aus „Schlafes Bruder“ oder Kaspar Hauser sei, antwortete Eisermann: „Ja. Wir alle tragen etwas von ihnen in uns. Man muss selbst kein Selbstmörder sein, um Werther zu verstehen, aber man muss diese Gefühle zutiefst nachempfinden.“ Er lese den Stoff nicht einfach ab, sondern müsse ihn leben. Seit 27 Jahren spüre er bei jedem Auftritt, wie zeitlos diese Themen seien. „Wenn wir uns selbst fehlen, fehlt uns alles.“

Auch zu den alten Kultrollen äußerte sich der Schauspieler: Es nerve ihn überhaupt nicht, darauf angesprochen zu werden. Menschen erzählten ihm noch nach 30 Jahren, wie die Filme ihr Leben verändert hätten – manche hätten ihre Kinder sogar Elias genannt. Früher habe er mit dem Rummel schwer umgehen können, heute sei er dankbar.

Werther heute: Narzisst, Stalker oder unglücklich Verliebter?

Eisermann sieht in Werther einen Menschen, der an sich selbst zerbrach: „Wenn man sich selbst nicht mag, kann man niemanden gesund lieben.“ Viele Jugendliche hätten sich damals mit diesem Außenseiter identifiziert. Die Parallelen zu heute seien enorm: Junge Menschen, die in der Schule gemobbt werden, sich auf Social Media inszenieren oder KI nutzen, um perfekt auszusehen. „Ob vor 250 Jahren oder heute – die seelischen Abgründe und die Gefühle der Entfremdung sind exakt dieselben.“

Auf die Frage, ob die historische Sprache das heutige Publikum noch erreiche, sagte Eisermann: „Heutzutage fällt es den Menschen, besonders der Jugend, oft schwer, einer anspruchsvollen Sprache zuzuhören.“ Aber wenn man sie erst einmal habe, ließen sie sich darauf ein und merkten, dass Werther genauso empfinde wie sie selbst. Er berichtete von einem zwölf- oder dreizehnjährigen Jungen, der wegen Liebeskummers weinend eine Lesung verließ – ein Beleg für die Zeitlosigkeit der Gefühle, die Goethe als 24-Jähriger aufgeschrieben habe.

Popkultur statt staubiger Schulliteratur

Eisermann erklärte, wie er den Stoff als Popkultur verpackt: „Bei uns läuft beim Einlass atmosphärische Musik, wir spielen mit farbigem Licht, und Jakob Vinje begleitet mich live am Klavier.“ Er steigere sich emotional so tief in den Text hinein, dass er nach zehn Minuten schweißgebadet sei. Die Jugendlichen im Saal merkten sofort, dass das echt sei. „Wir wollen dem Publikum eine bewusste Auszeit schenken und es dazu ermutigen, den eigenen Verstand zu gebrauchen.“

Jakob Vinje sei dabei sein Dialogpartner. Die Musik sei so komponiert, dass sie den Text direkt in die Herzen trage. Jede Figur und jede Stimmung habe ein eigenes Motiv. „Wenn am Ende das Licht erlischt und Jakob am Klavier noch einmal voll aufdreht, ist das pure Gänsehaut.“

Zur Konzentration über zweimal 40 Minuten sagte Eisermann: „Die Aufführung entsteht jeden Abend neu und atmet mit unserem eigenen Befinden.“ Sein Lehrer George Tabori habe immer gesagt: „Wenn ihr müde seid, dann seid ihr gut.“ Einmal sei eine völlig übernächtigte Vorstellung in einer Turnhalle eine der intensivsten überhaupt geworden, weil sie die Erschöpfung direkt in die Poesie packen konnten.

Kraftakt und Publikumsunterschiede

Eisermann beschrieb die Aufführungen als „echte Schwerstarbeit“. Er verausgabe sich völlig und frage Jakob vor jedem Auftritt im Ernst: „Meinst du, ich schaffe das heute noch?“ Nach der Show brauche er Ruhe: „Wir gehen an die Hotelbar, trinken ein Weizenbier und lassen den Abend ausklingen.“ Er genieße sein entschleunigtes Leben sehr.

Zu den Unterschieden zwischen kleineren und großen Städten sagte er: „Die Norddeutschen gelten oft als kühler und zurückhaltender, aber wenn man sie erst einmal geknackt hat, ist der Applaus umso herzlicher.“ Auf Güstrow sei er extrem gespannt. Sobald das Licht ausgehe, vergesse er die vierte Wand – es gebe nur noch den Stoff, die Musik und die Hingabe an den Moment.

Die Spoken-Word-Performance „Goethe.Werther.Eisermann.“ findet am 26. September um 19.30 Uhr im Ernst-Barlach-Theater in Güstrow statt. Eintrittskarten kosten im Vorverkauf 27 Euro, ermäßigt 17 Euro, an der Abendkasse mit einem Zuschlag von 3 Euro. Der Vorverkauf läuft direkt über das Theater sowie über die Tourist-Informationen in Güstrow, Bützow, Teterow, Schwaan und Schwerin.