Neuer Radweg in Güstrow: Fußgänger rechtlich auf dünnem Eis
Radweg Güstrow: Fußgänger rechtlich auf dünnem Eis

Güstrow hat einen neuen Radweg am Inselsee, doch die Beschilderung sorgt für massive Kritik. Seit der Freigabe am 7. Juli steht dort das Verkehrszeichen 237 – ein reiner Radweg. Fußgänger sind offiziell verboten, obwohl Bänke zum Verweilen einladen. In der Facebook-Gruppe „Güstrow erleben“ löste Nutzerin Kathrin Zemke eine Lawine des Unverständnisses aus: „Was bitte soll das? Fußgänger jetzt nicht mehr? ... Für wen sind eigentlich die Bänke? Für die erschöpften Radfahrer?“

Bürger fordern „Fußgänger frei“-Schild

Nutzer Axel Speck schlug eine pragmatische Lösung vor: „Ideal wäre aus meiner Sicht: Radweg mit Zusatzschild ‚Fußgänger frei‘. Dann bleibt der Vorrang bei den Radfahrern, Fußgänger werden aber legalisiert.“ Bislang war der Uferweg ein unbefestigter Feldweg, den Fußgänger legal mitnutzen konnten. Durch den Ausbau und die neue Beschilderung hat sich die rechtliche Situation grundlegend geändert.

Stadtverwaltung: Badestellen auch zu Fuß erreichbar

Die Stadtverwaltung erklärte auf Anfrage, dass Badestellen und Hunderunden weiterhin zu Fuß möglich seien. Auch die neuen Bänke könnten uneingeschränkt genutzt werden. Fußgänger dürften den Weg jedoch „ausschließlich in absoluten Ausnahmefällen (etwa bei fehlenden eigenständigen Gehwegen)“ betreten. Da es im Umfeld keine Gehwege gebe, habe man sich für den reinen Radweg entschieden.

StVO kennt keine Ausnahmen

Matthias Kunkel vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) in Mecklenburg-Vorpommern stellt klar, dass das Verkehrszeichen 237 einen reinen Sonderweg darstellt, den andere Verkehrsarten nicht benutzen dürfen. Die von der Stadt angeführten Ausnahmefälle sucht man in der Straßenverkehrsordnung (StVO) vergebens. Laut Paragraph 25, Absatz 1 müssen Fußgänger bei fehlenden Gehwegen auf der Fahrbahn gehen – nicht auf einem Radweg. Wer hier zu Fuß geht, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Ein Zusatzschild „Fußgänger frei“ ist in der StVO ausdrücklich vorgesehen, doch die Stadt lehnt dies ab.

Fördermillionen als bürokratische Falle?

Der Ausbau der 2,7 Kilometer kostete rund 1,432 Millionen Euro, davon 1,06 Millionen Euro aus dem Bundesprogramm „Stadt und Land“. Diese Mittel sind an strikte Qualitätsstandards geknüpft: Für die Maximalsumme muss eine ungestörte Radinfrastruktur nachgewiesen werden. Ein gemeinsamer Geh- und Radweg hätte die Förderung gefährdet. Zudem droht bei einer Änderung der Beschilderung die Rückforderung der 1,06 Millionen Euro.

Zweiter Bauabschnitt wird Fahrradstraße

Für den zweiten Bauabschnitt ab 2027, der bis zum Klubhaus am Inselsee führen soll, plant Stadtentwicklungsamtsleiter Gunter Brüß von vornherein eine Ausweisung als „Fahrradstraße“. Dort greifen dann wieder die regulären StVO-Regeln zur Fahrbahnbenutzung durch Fußgänger. Für den aktuellen Abschnitt bleibt es jedoch beim Graubereich: Die Stadt lädt zum Verweilen auf Bänken ein, deren Zugang sie per Schild formal untersagt. Bislang verzeichnete die Polizei noch keine Unfälle, aber das rechtliche Risiko tragen die Spaziergänger allein.