Am 1. Oktober 1983 wurde die historische Silhouette Neubrandenburgs wiederhergestellt: Die Marienkirche erhielt ihre Turmhaube zurück. Tausende Schaulustige verfolgten das Ereignis, obwohl die SED-Oberen es eigentlich unter Verschluss halten wollten.
Die Rückkehr der historischen Silhouette
Schon Tage vor dem denkwürdigen Sonnabend konnten die Bürger die Vorbereitungen für das Aufsetzen des Turmoktogons beobachten. Der Kirchturm erhielt jene Form zurück, die Friedrich Wilhelm Buttel, ein Schüler von Karl Friedrich Schinkel, Mitte des 19. Jahrhunderts entworfen hatte: achteckig, mit Kupferblech beschlagen, etwa 30 Meter hoch.
Allerdings fehlte das Kreuz auf der neuen Spitze, denn seine einstige Bestimmung als Gotteshaus hatte der Bau nicht mehr. Damit überragte der Kirchturm wieder alle anderen alten Türme der Stadt, auch den „Kulturfinger“ des Hauses der Kultur und Bildung aus dem Jahr 1965.
Ein 100 Meter hoher Kran aus Merseburg
Bewerkstelligt wurde das Unternehmen von Bauleuten des Industriemontagebetriebs (IMO) Merseburg gemeinsam mit dem Bau- und Montagekombinat und dem volkseigenen Denkmalpflegebetrieb der Stadt. Die Merseburger brachten einen riesigen, 100 Meter hohen Kran mit. Ihre Erfahrung zeigt sich bis heute am Berliner Fernsehturm, dessen Außenhaut der silbernen Kugel von IMO montiert und geschweißt wurde. Das Unternehmen besteht heute unter anderem Namen und mit neuen Eigentümern weiter.
Die fertige Turmhaube stand bereits einige Zeit vor dem Hallenbau des Kirchgebäudes, das ein Jahr zuvor sein Dach zurückerhalten hatte. Die Ankündigungen in den Zeitungen waren wortkarg. Nur die Journalisten der CDU-Regionalzeitung „Der Demokrat“ nannten den eigentlichen Grund der Straßensperrungen: das Aufsetzen der Turmhaube.
Tausende Schaulustige trotz Verschwiegenheit
Trotz der schmallippigen Verlautbarung kamen Tausende Neubrandenburger, selbst Schulklassen mischten sich darunter. Sie hielten das historische Ereignis mit Fotoapparat, Fernglas oder Schmalfilmkamera fest. Um acht Uhr begann das Hochhieven der 28 Tonnen schweren Turmhaube, um neun Uhr saß sie bereits auf dem gemauerten, 60 Meter hohen Turmstumpf.
Die siebeneinhalb Meter lange kupferne Turmspitze hatte der Gürtlermeister Bernd Lange gemeinsam mit seinem Gesellen Günter Bartschat in zweijähriger Arbeit geschaffen. Es herrschte fast Windstille, und nach der geglückten Montage läuteten die Glocken von Sankt Marien.
Der Tag war auch eine Niederlage für die damalige Stadtarchitektin Iris Grund, die bis 1982 versucht hatte, das Aufsetzen zu verhindern. Doch die Hoffnung auf einen zügigen Innenausbau erfüllte sich zunächst nicht: Bis zur Einweihung als Konzertkirche sollten noch 18 Jahre vergehen.