Im Pötenitzer Wald bei Dassow sind noch Reste eines früheren Luftzeugamtes der NS-Luftwaffe zu finden. Die Anlage wurde 1936/37 am Ostufer der Pötenitzer Wiek errichtet, auf der mecklenburgischen Seite gegenüber dem Priwall. Während der Priwall zu Lübeck-Travemünde gehört und dort seit den 1920er-Jahren Fluggeräte für den Einsatz über See erprobt wurden, übernahm Pötenitz den technischen Teil: Maschinen wurden instand gesetzt, ausgerüstet und für neue Einsätze vorbereitet.
Ein Standort direkt an der Wiek
Der Standort war militärisch günstig gelegen. Das geschützte Küstengewässer bot Wasserflugzeugen Platz zum Starten und Landen, und die Nähe zur Erprobungsstelle See auf dem Priwall war ein weiterer Vorteil. Aus dem Uferbereich bei Pötenitz wurde ein großer Standort mit eigenem Gleisanschluss und mehreren Betriebsbauten direkt am Wasser.
Das Luftzeugamt trug die Bezeichnung 2/XI See und war als Marine-Luftfahrtausrüstungsdepot sowie als Reparatur- und Überholungszentrum für Wasserflugzeuge angelegt. Auch Landflugzeuge konnten hier für den Einsatz auf Schwimmern umgerüstet werden. Mit rund 53 Hektar war die Anlage kein kleiner Außenposten, sondern ein eigener technischer Standort am Rand der Wiek.
Wartung für die militärische Luftfahrt
Zum Komplex gehörten mehrere Hangars, darunter ein großer Reparaturhangar. Dazu kamen Kasernen, Lagergebäude, technische Einrichtungen und geschützte Abstellplätze für Flugzeuge. Am Ufer lagen eine Slipanlage und ein etwa 275 Meter langer Anlegesteg mit Kran, mit dem Maschinen aus dem Wasser geholt und versorgt werden konnten. Zeitweise sollen bis zu 50 Wasserflugzeuge vor Ort gewesen sein.
Während des Krieges war Pötenitz vor allem ein technischer Arbeitsort für die Seefliegerei. Rund 360 Arbeiter, Angestellte und Soldaten waren im Luftzeugamt tätig. Sie setzten Maschinen instand, kontrollierten Technik und bauten bei Bedarf Ausrüstung ein. Der Standort arbeitete für die Luftwaffe, war aber auch auf Zulieferungen aus der Rüstungsindustrie angewiesen.
Der eigene Gleisanschluss machte die Anlage für diese Aufgabe besonders nützlich, da Material direkt auf das Gelände gebracht werden konnte. Wichtig war auch die Verbindung zum Priwall: Auf der Lübecker Halbinsel gab es seit 1926 Passagierflüge, ab 1928 arbeitete dort die Erprobungsstelle See, die Flugzeuge und Bordgeräte testete. Pötenitz ergänzte diese Arbeit auf der gegenüberliegenden Seite: Was auf dem Priwall erprobt wurde, konnte hier gewartet und wieder bereitgestellt werden.
Kriegsende und Sprengung der Anlagen
Anfang 1945 war der Standort kaum noch von Nutzen. Der Luftwaffe fehlten zunehmend Maschinen, die in Pötenitz hätten ausgerüstet oder umgebaut werden können. Der Betrieb wurde eingestellt, das Gelände geräumt. Am 28. Februar 1945 griffen Tiefflieger einen Versorgungszug des Luftzeugamtes zwischen Dassow und Pötenitz an. Die Lokomotive wurde schwer beschädigt, zwei Menschen wurden leicht verletzt.
Am 5. Mai 1945 übernahmen britische Streitkräfte die Anlage. Später kam das Gelände unter sowjetische Kontrolle. Im Sommer 1947 wurden große Teile des Luftzeugamtes gesprengt, damit der Standort nicht weiter genutzt werden konnte. Übrig blieben Betonreste, Trümmerfelder, alte Wege und Geländespuren, die heute an vielen Stellen überwachsen sind.
Danach verlief hier die Grenze
Nach den Sprengungen blieb das Gelände militärisch geprägt. Ab 1952 lag die Umgebung im DDR-Sperrgebiet. Die Pötenitzer Wiek gehörte zur westlichen Seite, der Priwall zu Lübeck und damit zur Bundesrepublik. Damit lag der frühere Luftwaffenstandort an einem besonders kontrollierten Abschnitt der innerdeutschen Grenze.
In Pötenitz waren DDR-Grenztruppen stationiert. Einige Gebäude nördlich des früheren Appellplatzes waren ursprünglich als Wohnhäuser für Offiziere des Luftzeugamtes gebaut worden; später nutzten sie die Grenztruppen. Ein früherer Führungsturm steht noch im Pötenitzer Wald, von dort wurde der Bereich um Wiek und Priwall überwacht. Mit der Grenzöffnung am 3. Februar 1990 verlor der Turm seine Funktion.
Spuren aus zwei deutschen Zeiten
Das Gelände wurde in zwei sehr unterschiedlichen politischen Systemen militärisch genutzt. Zuerst gehörte Pötenitz zur Luftfahrtinfrastruktur der NS-Zeit, später zum Grenzsystem der DDR. Die Überreste sind nicht als Museum erschlossen. Trotzdem lässt sich an einzelnen Stellen noch erkennen, welche Ausmaße der frühere Standort hatte.
Erhalten sind vor allem Fundamente, Betonfragmente und Reste alter Wege. Der frühere Anleger am Ostufer der Wiek ist bei Niedrigwasser oder auf Luftbildern noch zu erkennen. Auch der DDR-Führungsturm gehört zu den sichtbaren Spuren der späteren Nutzung. Zusammen zeigen diese Reste, wie stark derselbe Küstenabschnitt im 20. Jahrhundert militärisch überformt wurde.
Kein Ort für riskante Erkundungen
Der frühere Standort zieht immer wieder Menschen an, die sich für verlassene Orte interessieren. Dabei ist Vorsicht nötig. Im Wald gibt es ungesicherte Trümmer, überwachsene Kanten und andere Gefahrenstellen. Viele Gebäudereste sind seit der Sprengung beschädigt oder nur noch als Bruchstücke erhalten. Sicher begehbar ist das Gelände deshalb nicht.
Für die regionale Geschichte ist Pötenitz ein besonderer Ort. Die Reste des Luftzeugamtes zeigen, welche Rolle dieser Abschnitt an der Wiek spielte: erst als technischer Standort der Luftwaffe, später als Teil eines abgeschotteten Grenzraums. Von der Anlage ist kein geschlossenes Ensemble erhalten. Die verbliebenen Spuren reichen aber aus, um die frühere Größe des Geländes nachvollziehen zu können.