Mordfall Fabian: Familie rückt in den Fokus des Prozesses
Mordfall Fabian: Familie rückt in den Fokus

Im Mordprozess um den achtjährigen Fabian aus Güstrow beginnt heute der zweite und wahrscheinlich entscheidende Abschnitt. Ab dem 6. August – es wird der 20. Verhandlungstag am Landgericht Rostock sein – will die Kammer um Richter Holger Schütt an acht Prozesstagen herausfinden, ob die Mordvorwürfe gegen die 30-jährige Gina H. aus Reimershagen (Landkreis Rostock) stimmen. Ihr droht lebenslange Haft. Dazu werden dieses Mal erstmals auch Mitglieder ihrer Familie angehört.

Streitigkeiten mit Fabians Vater

Der Junge verschwand am Vormittag des 10. Oktober 2025, einem Freitag, aus der Wohnung der Mutter, mit der er schon lange allein in Güstrow lebte. Die Angeklagte Gina H. war bis Sommer 2025 vier Jahre lang die Freundin des Vaters von Fabian. Nach monatelangen, teils sehr heftigen Streitigkeiten hatte sich der Metallbauer im August von der Pferdesportlerin getrennt, weil er sich sehr stark vereinnahmt fühlte und unter anderem wieder mehr Zeit mit dem Jungen haben wollte. Das wollte die Angeklagte, wie Sprachnachrichten belegen, nicht hinnehmen.

Die angebrannte Leiche Fabians wurde von der Polizei erst am 14. Oktober an einem einsamen Tümpel auf einem Feld bei Klein Upahl, etwa 15 Kilometer südwestlich von Güstrow, gefunden. Rechtsmedizinern zufolge wurde Fabian bereits am 10. Oktober erstochen.

Fundort oder Tatort?

Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass der Fundort an dem Wasserloch auch der Tatort war, was Thomas Löcker als Verteidiger von Gina H. aber bezweifelt. Die Leiche wurde in Brand gesetzt, vermutlich um Spuren zu vernichten. Das Feuer sah eine Zeugin aus Klein Upahl, die an jenem Freitag mit ihrem Pferd unterwegs war, von weitem gegen 15 Uhr und fotografierte die Flamme mit dem Handy, ohne zu wissen, was es damit auf sich hat.

Die Staatsanwaltschaft stufte die Angeklagte nach Informationen unserer Zeitung zunächst als Zeugin ein, nannte sie ab 16. Oktober „Tatverdächtige“ und ließ Gina H. Anfang November in Untersuchungshaft nehmen. Mehrere Versuche ihres Anwaltes Andreas Ohm, sie aus der U-Haft herauszuholen, scheiterten. Oberstaatsanwalt Harald Nowack hat die Anklage vor allem mit einer „Indizienkette“ begründet, die zu großen Teilen bereits verhandelt wurde.

Auto von Gina H. unweit von Fabians Wohnung gesehen

So führt die Anklage an, dass der auffällige, orangefarbene Pickup der Angeklagten am 10. Oktober vormittags in Güstrow unweit der Wohnung des Jungen von Kameras „gesehen“ wurde. Wer genau da am Steuer des Ford Ranger war, ist aber nicht bekannt. Die Verteidiger bezweifeln, dass dies etwas mit dem Jungen zu tun haben muss. Zudem habe die Angeklagte gar nicht wissen können, dass der Junge wegen Kopfschmerzen und Nasenbluten an jenem Vormittag nicht in der Schule, sondern zu Hause war. Die Mutter Fabians war arbeiten und kam erst nachmittags zurück. Sein Handy lag in der Wohnung.

Laut Anklage soll die Tatverdächtige dann über Dörfer zügig zu dem einsamen Wasserloch gefahren sein, das auch als „Wildschweinkuhle“ bekannt ist. Sie soll den Jungen dort von hinten umfasst und mit mehreren Messerstichen in die Brust getötet haben. Das bestreitet sie aber, sagt Anwalt Löcker. Schon gegen kurz nach 12 Uhr wollen Bauern, die beim Steine sammeln gerade Mittagspause machten, den Wagen und die Frau am Steuer wieder bei Klein Upahl in die andere Richtung fahren gesehen haben.

Nach der Tat mit einem Nachbarn getroffen?

Das wird auch nicht bestritten. Die Angeklagte traf sich – das ist bekannt – dann an einem Waldsee mit einem 37-jährigen Nachbarn, der ihr „seine starke Schulter und ein Ohr zum Zuhören“ angeboten hatte, der Jäger ist, und wohl zeitweise ebenfalls unter Verdacht stand. Wie lange dieses Treffen dauerte, ist nicht genau bekannt. Die Ankläger glauben, dass sich die beiden wieder mal nur knapp eine Stunde sahen. Gina H. soll dann noch einmal zurück zu dem Wasserloch gefahren sein, um den Leichnam anzuzünden, und dann weiterfuhr, um ihren Jungen von der Schule aus Krakow am See abzuholen.

Ob das zeitlich stimmt, blieb bisher offen und wird von den Verteidigern ebenfalls bezweifelt. Anwalt Löcker geht sogar so weit, dass der Jäger als Zeuge in Teilen die Unwahrheit gesagt hat, was auch zeitlich zu völlig anderen Schlussfolgerungen führen könnte. Das ist von Bedeutung, weil ein weiteres schwerwiegendes Indiz seine Mandantin belastet. Die 30-Jährige war bereits am 13. Oktober, als Fabian noch vermisst und gesucht wurde, mit dem Jäger und einer Wärmebildkamera spätabends bei Klein Upahl und genau an jenem Tümpel unterwegs, angeblich um nach Fabian zu suchen. Dabei soll die Frau – so der Zeuge – vorausgegangen sein, als ob sie schon wusste, was man finden wird.

Angeklagte will Ende August einiges „richtigstellen“

Der Jäger ging dann hinunter an den Tümpel, leuchtete kurz und die Angeklagte, die oben am Rand stehengeblieben war, soll angeblich erkannt haben, dass es sich um die Leiche des Jungen handelt. Unter anderem diesen Fakt will die Angeklagte am 24. August „richtigstellen“, wenn ihre Aussage mit Spannung erwartet wird. Bisher schweigt sie. Dann sollen auch weitere Indizien der Anklage widerlegt werden, wie der Nordkurier erfuhr. So gehört zu dieser Indizienkette auch, dass die Pferdesportlerin, die an einer psychischen Erkrankung leidet und von einer Rente lebt, sonst nie ihr Handy abschaltet.

Zu der Zeit am späten Vormittag des 10. Oktober, als der Junge verschwunden war und wohl umgebracht wurde, soll ihr Smartphone aber extra ausgeschaltet gewesen sein. Vielleicht, damit sie nicht geortet werden kann. Hier bezweifeln die Verteidiger allerdings, dass dies für einen Mordnachweis und für eine Verurteilung reicht. Auch, dass die Frau ihren auffälligen Ford Ranger am 10. Oktober abends noch gereinigt hat, das aber bei der Polizei später erst anders geschildert haben soll, ist für die Staatsanwaltschaft „belastend“, reiche aber nicht für eine Verurteilung, sagt Verteidiger Löcker.

Noch immer keine Mordwaffe gefunden

Erschwerend kommt für das Landgericht hinzu, dass bisher keine Mordwaffe gefunden wurde. Die 30-jährige Angeklagte verschwieg der Polizei zunächst auch, dass sie mit dem Jäger und danach noch mit einem weiteren Nachbarn, der sich wohl Hoffnungen auf ein Verhältnis mit der Frau gemacht hat, an dem Leichenfundort war. Erst am 14. Oktober, nachdem sie einen Spaziergang mit einer Freundin und Hunden an dem Tümpel vortäuschte, rief sie die Polizei. Diese Umstände, die sehr verdächtig waren, sind im Prozess bereits detailliert untersucht worden. In diesen Fällen sollen die beiden Bekannten Gina H. gesagt haben, dass sie nicht mit dem Fall in Verbindung gebracht werden wollen.

Zeugen am nächsten Prozesstag

Für den Prozess sind bisher noch acht Verhandlungstage bis zum 10. September geplant. Am 6. August sollen zunächst ein Hufschmied und ein Förster gehört werden. Der Schmied hatte am vermutlichen Mordtag vormittags bei den Pferden der Angeklagten zu tun, wo sie auch dabei gewesen sein soll. Der Förster soll erklären, ob die Angeklagte am 10. Oktober in einem bestimmten Waldstück spazieren war, wie sie es bisher angegeben hat. Davon hängt ab, ob sie zeitlich in der Lage war, den Mord auszuführen. Ein Fachmann des Bundeskriminalamtes wird sich zur Kommunikation in dem Fall äußern, zu der es riesige Mengen an Sprachnachrichten vor allem zwischen Fabians Vater und der Angeklagten, die die Ex-Freundin ist, gibt. Dann soll eine Schwester von Gina H. gehört werden.

Am 7. August will die Kammer unter anderem den Lebenspartner von Fabians Mutter, eine Oma des Jungen sowie den Großvater der Angeklagten, bei dem die 30-Jährige mit Schwester aufwuchs und zuletzt auch länger lebte und ihre Pferde hat, anhören. Dann soll am 24. August die Einlassung von Gina H. erfolgen. Wenn man ihren Handynachrichten glaubt, war sie auch finanziell von ihrem Ex-Freund, Fabians Vater, abhängig. Warum sie nicht auch einen anderen Mann als Unterstützer finden sollte, blieb bisher unklar. Auch ein psychiatrischer Gutachter, der die Angeklagte fachlich einschätzen soll, wird im Prozess noch gehört.