Die „Wylde Swan“ passiert die Molen-Köpfe in Warnemünde und nimmt Kurs auf die offenen Wasser der Ostsee. An Deck des größten Zweimast-Topsegelschoners herrscht geschäftiges, sichtlich eingespieltes Treiben. Die Crew setzt die Segel, bedient die Gäste der Tagesausfahrt im Rahmen der 35. Hanse Sail und erklärt den Interessierten, was das Leben auf einem Segler so mit sich bringt. Das Besondere: Kaum ein Crew-Mitglied ist älter als 18.
„Tall yourself“: der Schoner als schwimmendes Internat
„Das Schiff wurde 1920 als Heringsfänger für die Nordsee gebaut“, erklärt der Kapitän der „Wylde Swan“, Jeroen Peters. „Der spätere Eigner hat erkannt, dass das Schiff durch seine Rumpfform sehr schnell sein kann und hat es als Segelschiff ausgebaut.“ Heute sorgen 1.130 Quadratmeter Segelfläche, verteilt auf sieben Segeln, für ordentlich Vortrieb. Bis zu 15 Knoten Rumpfgeschwindigkeit schafft der Segler.
Doch auch wenn die „Wylde Swan“ immer wieder auch an Regatten teilnimmt, ist ihr eigentlicher Zweck nicht das Kräftemessen mit anderen Seglern. In den europäischen Wintermonaten, zwischen Oktober und Mai, verwandelt sich der Schoner im Rahmen des niederländischen „Masterskip“-Programms in eine schwimmende Segelschule für Jugendliche.
„Im Winter fahren wir mit Schülern in die Karibik“, erklärt Marjolein Barendrecht. „Sie haben sechs Wochen lang regulären Unterricht an Bord und lernen gleichzeitig das Segeln.“ Das Motto an Bord lautet „Tall yourself“, eine Anspielung auf den Großsegler („Tallship“), die etwas meint, wie „wachse über dich hinaus“.
„Das war die prägendste Erfahrung meiner Schulzeit“
Zu „Masterskip“ gehören drei Schiffe: die „Nordlicht“, die „Gouden Leeuw“ und die „Wylde Swan“. Pro Schuljahr richtet das Programm 14 Fahrten aus an denen typischerweise zwischen 12 und 16 Jugendliche teilnehmen, abhängig von der Route. Für kürzere Fahrten finden sogar bis zu 34 „Trainees“ im Bauch des Schiffes Platz.
Wie nachhaltig und umfassend die Erfahrung auf See ein Leben verändern kann, zeigt die Geschichte des 17-jährigen Ruben Visser: „Die Fahrt mit dem Programm“, sagt er, „war die prägendste Erfahrung meiner Schulzeit.“ Der Niederländer packt als „Greenhand“, ein Ausdruck des Programms für einen angehenden Matrosen, mit an.
„Vor meinem ersten ‚Masterskip‛-Törn hatte ich absolut null Erfahrung auf dem Wasser“, erklärt der Schüler. Er sei der Erste aus seiner Familie, der segelt. „Ich habe mich einfach in das Leben an Bord verliebt.“
Ruben will Meerestechnik studieren
Derzeit macht Ruben ein Orientierungsjahr („Gap Year“) und verbringt acht Monate auf See. Um in den Niederlanden ein Matrose („Deckhand“) werden zu können, benötigt er 180 Segeltage sowie einige Nachweise über bestimmte Fertigkeiten rund um das Segeln.
„Mir fehlen noch etwa 50 Tage“, berichtet er. „Nach der Hanse Sail geht es für mich weiter Richtung Azoren.“ Nach dem Orientierungsjahr will er Meerestechnik („Marine Technology“) an der Technischen Universität in Delft studieren. Wovon er träumt? „Von einem Leben auf See.“