Am Freitagmittag warten mehr als 100 Menschen am Bahnhof Holthusen auf ihren Anschlusszug Richtung Hamburg. Dann rauscht der Regionalexpress einfach durch – ohne anzuhalten. Die Reisenden erfahren erst am Bahnsteig per App vom Zugausfall. Eine Vorwarnung gibt es nicht, auch Sicherheitsmitarbeiter der Deutschen Bahn können keine Auskunft geben.
Reisende berichten von ihrer Odyssee
Tina Dreesen ist mit dem Deutschlandticket von Berlin Richtung Hamburg unterwegs. „Wir sollten hier umsteigen und der Zug fährt einfach durch. Erst als wir am Gleis ankamen, wurde angezeigt, dass der Zug ausfällt. Nun müssen wir zwei Stunden auf den nächsten warten“, berichtet sie. Auch Lucia Schima und Johanna Broszeit stranden in Holthusen. Sie suchen vergeblich nach Alternativen. „Wir haben auch mal geguckt, ob es hier einen Supermarkt gibt oder einen Kiosk, aber hier ist nichts“, sagt Broszeit. Besonders ärgert die jungen Frauen, dass es am Bahnhof nicht einmal mehr eine mobile Toilette gibt.
Jutta Tetzlaff möchte nach Büchen und bleibt ebenfalls hängen. „Das ist eine Frechheit, die Leute einfach stehenzulassen und keine Informationen zu geben. Jetzt, wo der Zug weg ist und nicht angehalten hat, wird es erst in der App angezeigt. Nun ist schon alles zu spät“, beklagt die Seniorin. Ein junger Mann will rechtzeitig seinen Flug von Hamburg nach Australien erreichen – ob sein Plan aufgeht, ist ungewiss.
VMV erklärt die Hintergründe
Die Verkehrsgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern (VMV) nimmt Stellung und liefert erstmals eine Erklärung, warum Holthusen zum Umsteigeknoten wurde. Nicht die monatelange Sperrung der Strecke Hamburg–Berlin ist die Ursache, sondern der bundesweite Deutschlandtakt. „Das deutschlandweit veränderte Fahrplanangebot auf Basis des Deutschlandtakts führt dazu, dass der Umstieg zwischen der RE 8 Wismar–Berlin und der RE 1 Rostock–Hamburg nicht mehr in Schwerin Hauptbahnhof, sondern nur noch in Holthusen oder Schwerin Süd möglich ist“, erklärt eine Sprecherin der VMV.
Mit dem heutigen Andrang habe niemand gerechnet. „Nach damaligem Kenntnisstand war mit einer zweistelligen Zahl von Umsteigern je Tag zwischen RE 8 und RE 1 auszugehen“, so die Sprecherin. Dass das 2023 eingeführte Deutschlandticket vor allem an Wochenenden und in den Ferien für einen deutlichen Fahrgastzuwachs sorgen würde, sei damals nicht absehbar gewesen.
Keine Besserung in Sicht
Die VMV räumt ein: „Die Situation in Holthusen ist derzeit insbesondere an den Wochenenden sehr schwierig.“ Das Land habe die DB InfraGO bereits mehrfach aufgefordert, die Aufenthaltsqualität zu verbessern. Geprüft werde unter anderem, ob Wetterschutzhäuser aufgestellt werden können. Zusätzliche mobile Toiletten seien veranlasst worden – am Freitag war davon allerdings nichts zu sehen.
Eine Rückkehr der Umstiege an den Schweriner Hauptbahnhof wird es vorerst nicht geben. Wegen des Deutschlandtakts sei dies „in den kommenden Jahren“ nicht möglich. Stattdessen favorisiert die VMV einen Umstieg in Schwerin Süd. Dort wird geprüft, ob eine mobile Brücke den Gleiswechsel erleichtern könnte.
Als wenig später eine ODEG Richtung Schwerin einfährt, steigen fast alle Wartenden ein. Nur ein junger Mann aus Österreich bleibt zurück. „Ich muss nach Hamburg und heute Nachmittag meinen Flug nach Spanien bekommen, aber der Zug fährt ja in eine andere Richtung“, sagt er. Sein Fazit: „Die Deutsche Bahn ist immer eine Katastrophe. In Österreich gibt es auch Verspätungen, aber dann wenige Minuten. Hier wird auch einfach mal ersatzlos gestrichen. Das geht doch nicht.“