Erste „Letzte Adresse“-Tafel in MV für erschossenen Familienvater
Erste „Letzte Adresse“-Tafel in MV für erschossenen Vater

In der Walther-Rathenau-Straße 16 in Schwerin ist am Freitag die erste Erinnerungstafel des Projekts „Die letzte Adresse“ in Mecklenburg-Vorpommern angebracht worden. Sie erinnert an Gerhard Priesemann, den vierfachen Vater, der am 30. August 1950 in Schwerin verhaftet, in Moskau zum Tode verurteilt und erschossen wurde. An der Zeremonie nahmen zwei seiner heute hochbetagten Kinder sowie zahlreiche Schweriner teil.

Opfer sowjetischer Willkür

Gerhard Priesemann sei einer von gut tausend Menschen, die Anfang der 1950er Jahre in der DDR verhaftet, verurteilt und in Moskau erschossen worden seien, sagte Dr. Anke Giesen, Mitglied des Vorstands von Memorial Deutschland. Der 1911 in Rostock geborene Planungsstatiker war wegen seiner früheren NSDAP-Mitgliedschaft als Lehrer entlassen und umgeschult worden. Er fiel offenbar durch regimekritische Äußerungen und Pläne für eine Übersiedlung in die BRD auf.

„Die Menschen, die vom sowjetischen Geheimdienst aus teils nichtigen Anlässen oder aufgrund von kritischen Äußerungen oder Denunziationen verhaftet, häufig gefoltert, erschossen und verscharrt wurden, im Gulag verhungerten oder an mangelnder medizinischer Versorgung starben, sollen nicht vergessen werden“, mahnte Anke Giesen. Mecklenburg-Vorpommern ist das letzte ostdeutsche Bundesland, in dem eine Tafel des Projekts angebracht wurde.

Rehabilitierung erst 1992

„Wie viele andere vor und nach ihm wurde auch er im Rahmen eines aberwitzigen Verfahrens der Besatzungsbehörden zum Tode verurteilt, nach Moskau verbracht und dort erschossen“, so das Memorial-Vorstandmitglied. Erst 1992 wurde Gerhard Priesemann rehabilitiert. Die Familie blieb lange im Unklaren über sein Schicksal, wie Dr. Rolando Schadowski, Vorstandsvorsitzender der Arno-Esch-Stiftung, berichtete.

„Wir wollen Gerhard Priesemann als Ersten auf diese Art und Weise ehren, gehen aber vielen Lebensgeschichten weiter nach und sind auf Spuren in Wismar, Güstrow, Rostock, Stralsund und Bergen auf Rügen“, sagte Schadowski. Auch dort sollen die Geschichten der Opfer aufgearbeitet und Tafeln angebracht werden. Bislang wurden in Deutschland 16 Erinnerungstafeln des Projekts angebracht.

Mahnung für Demokratie

Schwerins Oberbürgermeister Sebastian Ehlers (CDU) betonte die Bedeutung der Erinnerung an die dunklen Kapitel der Stadtgeschichte. „Sie sehen an dem Beispiel hier, was der Unterschied ist zwischen einer freiheitlichen Demokratie und einer Diktatur, in der Menschen mit einer anderen politischen Haltung verhaftet, eingesperrt und auch getötet wurden“, warnte er. „Lassen Sie uns gemeinsam die Erinnerung an Gerhard Priesemann wachhalten, wir als Stadt werden unseren Beitrag dazu leisten“, versprach er.

Helmut Priesemann, der jüngste Sohn, dankte den Vertretern der Arno-Esch-Stiftung, von Memorial und allen Beteiligten. Er hoffe, dass die erste Tafel politisch dazu beiträgt, dass „die Menschen Gedanken machen, wie es damals war“. Weitere Informationen gibt es unter www.letzteadresse.de.