Mutterkorn im Roggen: Gefahr für Ernte und Futter
Mutterkorn: Gefahr für Roggen und Futter

Im Roggen kann sich ein unscheinbarer Pilz verstecken, der seit Jahrhunderten für Unruhe sorgt: das Mutterkorn. Es sieht aus wie ein kleines schwarzes Horn und ist potenziell hochgiftig. Für Landwirte bedeutet ein Befall oft wirtschaftliche Einbußen.

Pilz nutzt offene Blüte des Roggens

Der Pilz Claviceps purpurea befällt den Roggen während der offenen Getreideblüte im Frühjahr. „Es kommt zur Infektion durch die Pilzsporen, während der offenen Getreideblüte im Frühjahr“, erklärt Stefan Riemer, Geschäftsführer der Agrarproduktgesellschaft (AGP) Lübesse. Bei feuchter Witterung oder Wind können die Sporen übertragen werden. Der Roggen ist besonders gefährdet, weil seine Blüten vergleichsweise lange geöffnet bleiben.

Auch auf den Feldern von Stefan Riemer war der Pilz in diesem Jahr zu finden. „Es kommt immer wieder mal vor, dass Mutterkorn im Roggen zu sehen ist. In diesem Jahr war es glücklicherweise kein gravierendes Problem“, sagt er. Eine feuchte Witterung während der Roggenblüte kann das Sporenangebot erhöhen. Rasches und gleichmäßiges Abblühen erschwert dem Pilz dagegen den Angriff.

Giftige Alkaloide gefährden Tiere und Menschen

Im Inneren des Pilzes stecken Ergotalkaloide, die hochgiftig sind. „Aufgrund der im Pilz enthaltenen Alkaloide, die hochgradig giftig sind und empfindliche biologische Prozesse im Rind stören, wollen wir das natürlich nicht im Futter“, erläutert Stefan Riemer. Die Giftstoffe können unter anderem die Durchblutung, den Hormonhaushalt und das Zentralnervensystem beeinflussen. Auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sieht bei der Aufnahme von Ergotalkaloiden über das Futter ein Gesundheitsrisiko insbesondere für Rinder und Schweine; für Geflügel sowie Schafe und Ziegen wird das Risiko deutlich geringer eingeschätzt.

Für Menschen ist Mutterkorn ebenfalls gesundheitsschädlich. Schon geringe Mengen können wegen der unterschiedlichen Ergotalkaloide zu Übelkeit, Krämpfen und Durchblutungsstörungen bis hin zu schweren Vergiftungserscheinungen führen.

Sortierung und gesetzliche Grenzwerte

Nach der Ernte wird das Getreide gereinigt und sortiert. Moderne Sieb-, Reinigungs- und Sortiertechnik kann die auffälligen Mutterkörner entfernen. Ganz einfach ist das allerdings nicht, da Mutterkorn in Form und Größe variieren und teilweise zerbrechen kann. Für unverarbeiteten Roggen gilt seit dem 1. Juli 2025 ein EU-Höchstgehalt von 0,2 Gramm Mutterkorn-Sklerotien je Kilogramm Getreide. Auch für Ergotalkaloide in Roggenmahlerzeugnissen gibt es festgelegte Höchstgehalte.

Frank Piehl, Landwirt und Vorsitzender des Bauernverbandes Parchim, kennt das Problem ebenfalls. „Man kann gegensteuern und unter anderem die Leitspuren aussparen, wenn man einen Befall entdeckt hat, denn dort ist es dann meistens besonders schlimm“, sagt er. Besonders an Feldrändern können die Bedingungen für Mutterkorn günstiger sein. „Ist zu viel Mutterkorn drin, wird das Getreide abgewertet oder sogar ganz abgelehnt“, erklärt Piehl. Wenn der Roggen nicht mehr für den vorgesehenen Verwendungszweck geeignet ist, bleibt im schlimmsten Fall nur noch die Biogasanlage. Einige Landwirte mussten diese Möglichkeit in diesem Jahr wählen.

Historische und medizinische Bedeutung

Mutterkorn begleitet den Menschen seit Jahrhunderten. Einer der frühesten überlieferten Berichte über eine epidemieartige Mutterkornvergiftung stammt aus dem Jahr 857 aus dem Raum Xanten. Die Erkrankung wurde später als „Antoniusfeuer“ bekannt. Der Name „Mutterkorn“ hat mit der Gebärmutter zu tun: Bestimmte Inhaltsstoffe des Pilzes beeinflussen die Muskulatur der Gebärmutter und wurden früher medizinisch genutzt, unter anderem zur Unterstützung von Wehen und zur Blutstillung nach der Geburt.

Die wohl berühmteste Nebenwirkung der Mutterkorn-Forschung ist LSD. Der Schweizer Chemiker Albert Hofmann beschäftigte sich bei Sandoz intensiv mit den Inhaltsstoffen des Mutterkorns. 1938 synthetisierte er erstmals LSD-25; 1943 machte er mit der Substanz seinen berühmten Selbstversuch.