Ein Liter Diesel kostet in Wittenberge aktuell 2,08 Euro, Superbenzin (E5) liegt bei 2,24 Euro – und das, obwohl der Rohölpreis gesunken ist. Viele Autofahrer fragen sich, warum die Entlastung an der Zapfsäule ausbleibt.
Preise bleiben trotz sinkender Rohölkosten hoch
Dirk Schubert aus Perleberg musste kürzlich in Wittenberge tanken. „Es hilft ja nichts. Wenn man mit dem Auto fahren will, muss man irgendwann auch tanken“, sagt er. Ein Blick auf die Preistafeln lokaler Tankstellen zeigte keine großen Unterschiede. „Man freut sich inzwischen ja schon, wenn der Preis nur um die zwei Euro und nicht weit darüber liegt“, meint Schubert.
Unsere Redaktion hat über einen längeren Zeitraum die Preisentwicklung an den Zapfsäulen in Wittenberge beobachtet. Auffällig war an allen Tagen, dass der Preis nach 12 Uhr bis circa 15 Uhr extrem hoch ist.
Mittags wird es teuer
Das ist logisch, denn um 12 Uhr dürfen Tankstellen ihre Preise noch einmal nach oben setzen. Ab 15 Uhr fällt der Preis nach unseren Beobachtungen wieder. Genauso verhält es sich gegen 18 Uhr und noch einmal gegen 20 Uhr. Die Preise fallen und bleiben meist bis zum nächsten Vormittag dabei stehen.
Das weiß auch Familie Grünert aus Kassel, die mit ihrem Wohnmobil Richtung Ostsee unterwegs ist und ebenfalls in Wittenberge hält, um nachzutanken. Der Tank ihres Gefährtes fasst 80 Liter, erklärt Familienvater Thomas Grünert. Bei einem Preis von 2,24 Euro kostet eine volle Ladung rund 180 Euro.
Wer tanken muss, hat keine Wahl
„Das schmerzt und fehlt im Urlaubsbudget“, meint Grünert. Die Familie habe die erhöhten Benzinkosten eingeplant. „Dann gehen wir eben ein- oder zweimal weniger im Restaurant essen“, sagt er. Ihm tun Berufspendler leid, die keine Wahl haben, wann und ob sie tanken. „Wer auf das Auto angewiesen ist und tanken muss, kann diese Entscheidung nicht lange vor sich herschieben.“
Dass die Preise nicht sinken, wundert viele Autofahrer, denn der Rohölpreis ist gesunken. Die Steuern machen jedoch den größten Anteil des Preises aus: Rund die Hälfte, oft sogar mehr, entfällt auf Energiesteuer, Mehrwertsteuer und weitere Abgaben. Dieser Anteil bleibt gleich, egal ob Rohöl teurer oder billiger wird.
Steuern treiben den Preis hoch
Der Rohölpreis ist nicht der Einkaufspreis der Tankstellen. Zwischen Förderung und Zapfsäule liegen Transport, Raffinerien, Lagerung und Vertrieb. Ein weiterer Faktor ist der Wechselkurs: Rohöl wird meist in US-Dollar gehandelt. Fällt der Ölpreis, wird aber der Euro gegenüber dem Dollar schwächer, kann ein Teil des Preisvorteils verloren gehen.
Ein weiterer entscheidender Faktor ist, dass Tankstellen zunächst Kraftstoff verkaufen, der zu früheren Preisen eingekauft wurde. Sinkende Rohölpreise schlagen deshalb oft erst nach einigen Tagen oder Wochen vollständig durch.
Angebot und Nachfrage entscheiden
Und letztlich sind auch Angebot und Nachfrage entscheidend. In Ferienzeiten oder an stark frequentierten Reisetagen bleibt die Nachfrage hoch. Das kann die Preise stützen, obwohl Rohöl günstiger geworden ist.
Wie viele Autofahrer vermutet Grünert eine Preisstrategie der Mineralölunternehmen. Unsere Recherchen haben ergeben, dass er damit nicht ganz falsch liegt: Kritiker bemängeln seit Jahren, dass Preiserhöhungen häufig schneller an die Verbraucher weitergegeben werden als Preissenkungen.
2016 deutlich billiger
Vor zehn Jahren, im Jahr 2016, kostete ein Liter Superbenzin im Jahresdurchschnitt etwa 1,30 Euro, ein Liter Diesel lag bei rund 1,05 bis 1,11 Euro. 2016 war damit das günstigste Tankjahr in Deutschland seit 2009 (Quelle: Statista.de).
Für Familie Grünert bringt die Statistik allerdings nichts. „Entweder wir hoffen auf bessere Zeiten und fallende Preise, oder wir zahlen das, was man von uns verlangt“, meint Grünert. Die Alternative sei, auf das Auto zu verzichten. „Aber wer kann und will das schon?“, so sein Fazit.