Wolgast: Sorge um Peene-Werft nach F126-Aus – Auftragslücke ab 2027
Wolgast: Sorge um Peene-Werft nach F126-Aus

Nach dem Aus für das milliardenschwere Fregattenprojekt F126 wächst in Wolgast die Sorge um die Peene-Werft. Noch reicht die Arbeit bis Mitte 2027. Danach droht eine gefährliche Auftragslücke. Bürgermeister Martin Schröter und Betriebsratschef René Quade warnen vor Folgen für die ganze Region. Doch es gibt Hoffnung: Rheinmetall sucht nach neuen Marineaufträgen, und auch beim Bau der MEKO-Fregatten könnte Wolgast zum Zuge kommen.

F126-Projekt gestoppt

Die großen Stahlsektionen liegen draußen auf dem Gelände der Peene-Werft. Eigentlich sollten sie einmal Teil der ersten der neuen Fregatten der Deutschen Marine, der „Niedersachsen“ werden. Jetzt sind sie aus der Halle geschafft worden, damit sie die laufende Produktion nicht behindern. Betriebsratschef René Quade nennt den Platz mit etwas Galgenhumor den „Garten“ der Werft. Dort werde das bereits gefertigte Stück nun „eingemummelt“, bis entschieden sei, was damit geschieht.

Im Juni war das Aus für das milliardenteure Rüstungsprojekt F126 bekanntgeworden. Das zunächst als Generalunternehmer beauftragte niederländische Unternehmen Damen Schelde Naval Shipbuilding (DSNS) habe demnach zeitliche und finanzielle Rahmenbedingungen nicht einhalten können, so das Verteidigungsministerium. Die erste Fregatte mit einer sogenannten Anfangsbefähigung hätte Mitte 2028 geliefert werden sollen. Die folgenden fünf Schiffe bis 2033. Stattdessen soll der Kieler Marineschiffbauer TKMS zum Zug kommen und die erste Fregatte vom Typ Meko A-200 DEU 2029 an die Marine ausliefern.

Werft prägt die ganze Region

Es geht zunächst um rund 400 Beschäftigte der Werft. Tatsächlich hängen aber deutlich mehr Arbeitsplätze an dem Unternehmen. Quade sagt, mit Auftragnehmern, Monteuren und anderen Beschäftigten seien täglich bis zu 800 Menschen auf dem Gelände. Hinzu kommen Zulieferer, Handwerker und Dienstleister. Selbst „der Friseur und der Bäcker um die Ecke“ hofften und bangten mit der Werft.

Für Wolgast ist die Peene-Werft weit mehr als ein Unternehmen. Sie ist einer der wenigen großen industriellen Arbeitgeber im östlichen Vorpommern, bietet vergleichsweise gut bezahlte Facharbeit und bildet junge Menschen aus. Viele Familien sind seit Generationen mit dem Schiffbau verbunden. Großvater, Vater, Onkel oder Tante hätten dort gearbeitet oder arbeiteten noch immer dort, erzählt Quade. „Hier kennt jeder jeden.“

Und anders als in Hamburg oder Kiel wartet hinter dem Werkstor nicht der nächste Industriebetrieb. Quade beschreibt das mit einem Bild: Die Werft habe in Wolgast nur eine Tür, und die gehe nur nach draußen. In einer großen Hafenstadt könne ein Facharbeiter den Arbeitgeber wechseln. In Wolgast gebe es diese Alternative kaum.

„Das hat uns eiskalt erwischt“

Umso härter traf das Ende von F126 die Belegschaft. Eigentlich hatten sich die Beschäftigten auf Jahre mit Arbeit eingestellt. Die Ausbildung war hochgefahren worden, zusätzliches Personal wurde gesucht. Fachkräfte aus der Arbeitnehmerüberlassung waren bereits auf der Werft – teilweise mit Aussicht auf eine spätere Übernahme. Dann kam die Nachricht. „Das hat uns wirklich eiskalt erwischt“, sagt Quade. Auf der Werft habe zunächst „kurze Schockstarre“ geherrscht.

Erste Konsequenzen sind längst gezogen. Beschäftigte aus der Arbeitnehmerüberlassung mussten wieder gehen. Darunter waren Facharbeiter sowie Kräfte aus Ingenieurbüros und Arbeitsvorbereitung. Gerade in Vorpommern sind solche Fachkräfte später nur schwer wiederzubekommen.

Noch allerdings ist die Peene-Werft ausgelastet. Unter anderem arbeitet sie am dritten Flottendienstboot der Deutschen Marine, hinzu kommen Reparaturaufträge. Nach Angaben von Betriebsrat und IG Metall reicht die Arbeit bis etwa Mitte 2027. Danach wird es kritisch. „Noch haben wir Arbeit, aber ab Mitte 27 wird uns die Kälte, die uns im Juni erwischt hat, dann einholen“, sagt Quade.

Rheinmetall macht Hoffnung

Inzwischen gibt es jedoch Signale, die Hoffnung machen. Rheinmetall, der neue Eigentümer der Peene-Werft, bestätigt zunächst die schwierige Perspektive. „So geht durch diese Entscheidung beispielsweise unser Wolgaster Standort in 2027 in die Unterauslast“, erklärt Oliver Grün, Sprecher der Division Naval Systems. Dann folgt der entscheidende Satz: „Wir gehen aber davon aus, dass wir die nun frei werdenden Kapazitäten auf der Peene-Werft kurzfristig für andere Neubauprogramme der Deutschen Marine nutzen und damit Auslastung über das Jahr 2027 hinaus sicherstellen werden.“ Welche Programme das sein könnten, lässt Rheinmetall offen. Derzeit würden „unterschiedliche Optionen“ geprüft.

Auch Quade setzt auf den neuen Eigentümer. Mit Rheinmetall im Rücken sei die kleine Werft nicht auf sich allein gestellt. Darin liege „ein bisschen auch unsere Hoffnung“.

Eine Möglichkeit sind die neuen Fregatten des Typs MEKO A 200 DEU. TKMS hat mit der Bundesrepublik einen Vertrag über vier Schiffe geschlossen. Zusätzlich besteht eine Option auf vier weitere. Der Großteil der Bauarbeiten soll gemeinsam mit Werftpartnern in Bremen, Bremerhaven und Flensburg erfolgen. Doch TKMS schließt weitere Partner nicht aus. „Die Ankündigung im ersten Schritt vier Schiffe zu beschaffen und optional um vier weitere zu erweitern, öffnet die Perspektive die deutsche Werftenindustrie einzubinden“, sagte TKMS-Chef Oliver Burkhard im Juni. „Wir sind offen für Gespräche mit unseren Industriepartnern.“

„Hierzu führen wir derzeit Gespräche mit Industriepartnern und warten auf ein konkretes Angebot“, erklärt TKMS-Sprecher Nils Beyer. Ob und in welcher Form auch die Peene-Werft eingebunden werde, sei noch nicht entschieden und liege ebenfalls in der Verantwortung Rheinmetalls.

Die Zeit läuft

Frank Prenzlau, Geschäftsführer der IG Metall Stralsund-Neubrandenburg, bezeichnet die Lage als „durchaus kritisch“. Durch das F126-Aus sei eine Auftragslücke entstanden, „die dringend geschlossen werden muss“. Neue Schiffbauprojekte benötigten schließlich Vorlauf. Sollte kein Anschlussauftrag kommen, droht nach Einschätzung des Betriebsrats massive Unterauslastung. Auch Zulieferer dürften die Folgen im kommenden Jahr spüren.

Noch gibt es allerdings keinen unterschriebenen Anschlussauftrag. Keine MEKO-Sektion ist fest für Wolgast bestellt, auch ein viertes Flottendienstboot ist bislang nur eine Möglichkeit. Aber erstmals seit dem F126-Aus gibt es konkrete Hoffnung: Rheinmetall will andere Marineprogramme nach Wolgast holen. TKMS bestätigt Gespräche mit Industriepartnern.

Draußen auf dem Werftgelände liegen derweil die begonnenen F126-Sektionen und warten darauf, dass über ihre Zukunft entschieden wird. Für die Menschen in Wolgast ist eine andere Entscheidung wichtiger: Was wird in den Hallen gebaut, wenn Mitte 2027 die bisherige Arbeit ausgeht? Die Antwort muss bald kommen.