Es fängt harmlos an, meistens in einer Schlange. „Kriegst du auch dauernd Werbung für Katzenhaar-Entfernung“, fragt die Frau vor mir beim Bäcker ihre Nachbarin. Beide lachen und nicken, als teilten sie ein kleines Leiden. Fast jeder in der Reihe kennt das und hat seine eigene Anzeige, über die er sich wundert.
Was die Werbung über uns erzählt
Es bleibt nicht bei Katzenhaaren. Beim Kinderwagenschieben erzählt mir ein anderer Vater, er bekomme nur noch Anzeigen fürs Auswandern nach Paraguay. Auf einer Parkbank höre ich später zwei Ältere: Der eine wird mit Werbung gegen Katzenurin auf dem Sofa versorgt, die andere mit Umschulungen für Menschen über 50.
Keiner von ihnen denkt daran, was er damit über sich verrät. Und keiner weiß, dass wir längst nicht mehr dieselbe Werbung sehen. Am schönsten war der Mann, der mir beim Warten ungefragt mitteilte, sein Handy zeige ihm seit Tagen nur noch Viagra. Er sagte es so beiläufig, als spräche er über das Wetter.
Der allwissende Geist lauscht am WLAN
Dabei hängt keine dieser Anzeigen am Gerät, sondern am Anschluss. Was man abends im Bett einer Freundin ins Handy tippt, steht am nächsten Morgen als Werbung auf dem Fernseher. Was man Alexa in der Küche fragt, weiß das Tablet im Wohnzimmer. Alles, was im selben WLAN steckt, gilt der Werbung oft als ein und dieselbe Person.
Der Werbeblock ist der ehrlichste Beichtzettel, den wir nie ausgefüllt haben. Wer sich über seine Anzeigen beschwert, liest sie vor, mitten in der Schlange, und weiß nicht, dass er dabei ausplaudert, was er nachts gesucht und längst wieder gelöscht hat.
Neulich fragte mich meine Frau, warum sie neuerdings nur noch Werbung für Hochleistungsrechner ab 12.000 Euro bekommt und keine Sommerkleider mehr. Ich zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, warum.“