Interview: „Wir bringen die Leute zusammen“ – Dr. Marek Fiałek über deutsch-polnische Projekte
Interview: Dr. Marek Fiałek über deutsch-polnische Projekte

Dr. Marek Fiałek, Vorsitzender der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Mecklenburg-Vorpommern, setzt sich seit vielen Jahren für die deutsch-polnische Zusammenarbeit ein. Im Interview erläutert er, wie konkrete Projekte wie das Studentenfestival Juwenalia oder das Jazzfestival in Grodno Menschen beider Länder verbinden und warum Stettin und Vorpommern zu einer gemeinsamen Region zusammenwachsen.

Netzwerke statt Einzelveranstaltungen

Die wichtigste Aufgabe der Gesellschaft sei es, Menschen aus Deutschland und Polen zusammenzubringen, sagt Fiałek. Es gebe Sektionen unter anderem in Schwerin, Rostock, Greifswald, auf Rügen und Usedom sowie im Raum Pasewalk. Dort organisierten Mitglieder Veranstaltungen, Lesungen, Konzerte und Begegnungen. Ziel sei es, Netzwerke zu schaffen, aus denen langfristige Kooperationen entstehen. Wenn Menschen sich kennenlernten und Vertrauen entwickelten, könnten daraus gemeinsame Projekte entstehen, die über eine einzelne Veranstaltung hinausgingen.

Als Beispiel nennt er Fahrten mit einem polnischen Schiff bei der Hanse Sail in Rostock. Gemeinsam mit dem Marschallamt in Stettin habe man polnische Musiker nach Deutschland geholt. Die Shanty-Gruppe „Queen Anne’s Revenge“ spielte drei Konzerte. Die Leute blieben stehen, hörten zu und kamen ins Gespräch. Zudem habe man deutschsprachiges Informationsmaterial über Stettin und die Region mitgebracht, etwa über Radwege auf polnischer Seite.

Nachbarsprache vom Kindergarten bis zum Abitur

Ein Schwerpunkt der Arbeit ist die Sprache. Die Gesellschaft spreche bewusst von der „Nachbarsprache“, nicht von Fremdsprache. Vor 16 oder 17 Jahren habe man begonnen, dafür zu werben, dass Menschen in der Grenzregion die Sprache ihrer Nachbarn lernen. Dazu seien eine Broschüre und ein Kurzfilm im Auftrag des Landkreises entstanden. Die Idee sei, Polnisch beziehungsweise Deutsch möglichst durchgängig vom Kindergarten bis zum Schulabschluss anzubieten. Daraus seien größere Projekte entstanden, für die Fördermittel in Millionenhöhe eingeworben wurden. Heute böten Kitas, Grundschulen, Regionalschulen und Gymnasien in der Region Polnisch an – vor 15 oder 16 Jahren kaum vorstellbar.

Das Interesse sei vorhanden. An der Grundschule seiner Tochter in Greifswald hätten sich etwa 160 Kinder für Polnisch angemeldet, die meisten ohne polnische Wurzeln. Die Sprache des Nachbarn zu lernen und nach Polen zu fahren werde selbstverständlicher. Genau diese Selbstverständlichkeit brauche es, wenn aus zwei Grenzregionen langfristig eine gemeinsame Region werden solle.

Kultur als Brücke und Vermittlung als Aufgabe

Neben eigenen Veranstaltungen sei die Vermittlung eine wichtige Aufgabe. So habe man nach einer längeren Pause wieder eine Pommernkonferenz organisiert, bei der Vereine und Institutionen zusammenkamen. Viele suchten einen Partner auf der anderen Seite der Grenze, etwa für gemeinsame europäische Förderanträge. Gerade kleinere Vereine kämen ohne Partner oft gar nicht an EU-Mittel heran. Manchmal bestehe die Aufgabe schlicht darin, zwei Menschen bekannt zu machen, die eigentlich dasselbe wollten, sich aber bisher nicht kannten.

Der PolenmARkT entstand vor fast 30 Jahren an der Universität Greifswald. Aus einigen Tagen polnischer Kultur wurde eine Institution, die nicht mehr auf Greifswald beschränkt ist. Veranstaltungen gibt es in Schwerin, Rostock, Stralsund und Ramin. Beim Juwenalia-Festival in Stettin erlebten Besucher aus Deutschland eine Veranstaltung mit rund 30.000 Menschen und großen Bands. Die Gesellschaft organisiere Busfahrten und Übernachtungen. Inzwischen interessierten sich auch Senioren dafür. Solche Begegnungen bauten Vorurteile ab.

Weitere Beispiele sind ein deutsch-polnisches Jazzfestival in Grodno bei Misdroy und die Zusammenarbeit zwischen einem Filmfestival in Stettin und einem Dokumentarfilmfestival in Neubrandenburg. Beide seien in Kontakt gekommen und stellten gemeinsam einen Antrag.

Gemeinsame Region und Wünsche an die Politik

Fiałek sieht die Grenzregion weiter entwickelt, als manche wahrhaben wollten. Während der Pandemie habe man erlebt, wie Grenzen plötzlich geschlossen wurden und wie sehr Menschen darunter litten. Unabhängig von Diskussionen in Warschau oder Berlin hätten die Menschen in der Grenzregion immer kooperiert. Immer mehr Menschen arbeiteten auf der anderen Seite, studierten dort, kauften ein oder pflegten private Kontakte. Die Grenze sei zwar auf der Landkarte vorhanden, spiele aber im Alltag eine immer geringere Rolle.

Es fehle an gegenseitigem Wissen. Auf deutscher Seite fehlten oft Informationen über die Region in polnischer Sprache. Die polnische Seite sei bei deutschsprachigen Angeboten aktiver. Von der Politik wünscht er sich unkompliziertere Unterstützung für kleine Initiativen. Viele Förderanträge seien für kleine Vereine oder ältere Ehrenamtliche zu kompliziert, obwohl gerade kleine Projekte wichtig seien, weil dort Menschen tatsächlich in Kontakt kämen.

Fiałek hat das Gefühl, dass die Region langsam erwacht. Stettin gewinne wieder stärker die Rolle eines Oberzentrums für die gesamte Region. Vorpommern könne von dieser Entwicklung profitieren und selbst etwas beitragen. Sein zentraler Gedanke: Begegnung schafft Zusammenarbeit. Am Ende müssten Menschen miteinander sprechen, sich kennenlernen und gemeinsam etwas tun. Daraus entstünden Beziehungen, Vertrauen und konkrete Projekte – die Grundlage einer europäischen Grenzregion, die über ihre Grenze hinauswächst.