Zwei junge Kraniche namens Ida und Michel sind seit Kurzem im Kranichzentrum in Günz in Vorpommern zu Hause. Sie können nicht ausgewildert werden, weil sie zu früh in Menschenhand kamen und auf Menschen geprägt sind.
Wie die Tiere ins Zentrum kamen
Anfang Mai erhielt Günter Nowald, Leiter des Kranichzentrums, Anrufe von Spaziergängern, die kleine Kraniche gefunden und mitgenommen hatten. „Da habe ich ein Video bekommen, wo der kleine Kranich im Kinderbett in der Küche umherläuft“, erinnert sich Nowald. Die Vögel stammen ursprünglich aus Brandenburg und Niedersachsen. Zunächst wurden sie nach Brandenburg vermittelt und dort aufgezogen, bevor sie vor rund einer Woche nach Günz kamen.
Prägung auf Menschen
„Die Tiere können leider nicht ausgewildert werden, weil sie so früh in Menschenhand gekommen sind“, erklärt Nowald. „Dann sind sie fehlgeprägt worden auf Menschen und erkennen jetzt nur die Menschen als Artgenossen und keine Kraniche.“ Bei einer Freilassung würden sie wieder die Nähe von Menschen suchen, was gefährlich für sie wäre. Ida und Michel erkunden nun das eingezäunte Außengelände des Nabu-Erlebniszentrums Kranichwelten, genießen die Abkühlung der Rasensprenger und picken nach Essbarem.
Eigene Charaktere
„Zwischen den beiden ist einfach eine tolle Bindung vorhanden. Man sieht aber, dass die beiden ihre eigenen Charaktere haben“, berichtet Nowald. „Ida ist ein bisschen mäkeliger, die frisst nicht alles, während Michel eher derjenige ist, der scheinbar immer Hunger hat.“ Michel lasse sich auch einfacher führen, während man Ida manchmal überzeugen müsse. Nowald spricht von echter Geschwisterliebe, obwohl die Tiere nicht verwandt sind.
Ungeplante Aufgabe
Die Pflege von Kranichen war nicht geplant. „Es ist eine neue Herausforderung, die jetzt noch mit auf uns zugekommen ist, die wir auch personell mit stemmen müssen“, sagt Nowald. Sieben Tage in der Woche muss das Team für die Vögel da sein. Derzeit sind Ida und Michel in einem improvisierten Gehege untergebracht, für das eine eigene Voliere gebaut werden soll. Mit Genehmigung des Veterinäramtes wurden die Federn der Handschwinge abgeschnitten, um ein Wegfliegen zu verhindern. Nowald erklärt, das sei totes Material, „wie unsere Haare.“
Langfristige Bleibe
In Gefangenschaft können Kraniche über 40 Jahre alt werden. „Das heißt, es ist gut möglich, dass wir die Kraniche für Jahrzehnte hier bei uns in den Kranichwelten haben“, so Nowald. Kranichpaten, die die Versorgung finanziell unterstützen, sind willkommen. Die Aufzucht der Tiere war aufwändig: Die Kranichexpertin Beate Blahy päppelte sie in Brandenburg auf. „Einer der Vögel wog gerade mal gut 100 Gramm und entsprechend schlecht ging es denen“, erinnert sich Nowald. Mit viel Unterstützung genasen die Tiere.
Zutraulich und namensgebend
Ida und Michel sind ungewöhnlich zutraulich. „Tatsächlich kann man Ida und Michel auch berühren, ohne dass sie sofort wegrennen“, berichtet Nowald. Sie fressen aus der Hand und picken neugierig an seiner Kleidung. Die Namen gab Beate Blahy vermutlich in Anlehnung an Astrid Lindgrens Kinderbuchfigur Michel aus Lönneberga und seine Schwester Ida. Ob es sich tatsächlich um ein Männchen und Weibchen handelt, ist noch nicht sicher – eine genetische Untersuchung soll Klarheit bringen.
Botschafter für den Artenschutz
Bei den Gästen sorgen die Tiere für Aufmerksamkeit. Die Niederländerin Paulien Sigmans, die mit ihrer Familie zu Gast ist, findet sie schön, bedauert aber auch die Geschichte. Nowald sieht die Tiere als Botschafter für den richtigen Umgang mit wilden Vögeln: Finde man junge Kraniche, solle man sich schnell entfernen, da die Elterntiere nur außer Sichtweite seien. „Sobald man wieder weggeht, kommen sie zurück zu ihren Nachkommen und führen sie dann weg.“