Lilienthal-Ausstellung aus Anklam in Stettin eröffnet
Lilienthal-Ausstellung aus Anklam in Stettin eröffnet

Über den Köpfen der Besucher schwebt Otto Lilienthals Flugapparat. Das filigrane Gebilde aus Holz, Stoff und Draht wirkt heute beinahe zerbrechlich – und steht doch für eine technische Revolution. Am Freitagabend ist im Maritimen Wissenschaftszentrum in Stettin die Sonderausstellung „Grenzenloser Himmel – Otto Lilienthal verbindet Pommern“ eröffnet worden.

Ein Gastspiel mit Signalwirkung

Damit präsentiert das Otto-Lilienthal-Museum Anklam einen Teil seiner Ausstellung einem großen polnischen und internationalen Publikum. Für die Hansestadt ist das Gastspiel zugleich ein weiterer Schritt bei der engeren Zusammenarbeit mit der Metropolregion Stettin.

Dass ausgerechnet ein Haus, das sich vor allem mit Wasser und Schifffahrt beschäftigt, nun den Traum vom Fliegen ins Zentrum rückt, ist durchaus beabsichtigt. Luft und Wasser hätten mehr miteinander zu tun, als es zunächst scheine, hieß es bei der Eröffnung. Strömung, Bewegung und die Überwindung physikalischer Grenzen verbinden beide Welten.

Brücken zwischen Ländern

Der Name „Grenzenloser Himmel“ hat dabei eine zweite Bedeutung. Es gehe nicht nur darum, die Schwerkraft zu überwinden, sondern auch Grenzen zwischen Ländern. Die Ausstellung entstand im Rahmen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit und wurde durch das Interreg-Programm ermöglicht.

Für Anklam ist die Schau deshalb weit mehr als ein Gastspiel eines Museums. Die Hansestadt baut ihre Beziehungen nach Stettin seit Jahren aus. Kooperationen gibt es inzwischen unter anderem mit dem Museum für Technik und Kommunikation, der Villa Lentz und der Stettiner Philharmonie.

Bürgermeister zeigt sich stolz

Anklams Bürgermeister Michael Galander erinnerte daran, wie sich die Zusammenarbeit Schritt für Schritt entwickelt habe. Nach ersten Kontakten folgten gegenseitige Besuche, schließlich entstand die Idee für eine Lilienthal-Ausstellung. Zwischen März und Juni dieses Jahres wurden zudem Tagesfahrten von Anklam nach Stettin angeboten, die nach Angaben des Bürgermeisters auf große Resonanz stießen.

Für Galander war die Eröffnung auch persönlich ein besonderer Moment. Seit 25 Jahren sei er Bürgermeister der Stadt, sagte er. Dass Anklam in dieser Form in Stettin eine Ausstellung präsentieren könne, habe es während seiner gesamten Amtszeit noch nicht gegeben. Das erfülle ihn „mit Stolz und Freude“.

Ausstellung macht Lust auf Ikareum

Die Ausstellung soll zugleich neugierig auf das machen, was in Anklam entsteht: das Ikareum, ein neues Lilienthal-Museum in der Nikolaikirche. Galander nutzte den Abend deshalb gleich für eine Einladung nach Vorpommern. Im Mai 2028 soll das neue Museum eröffnet werden – möglichst, so sein Wunsch, mit mehreren Bussen voller Gäste aus Stettin.

Im Mittelpunkt der Stettiner Ausstellung stehen die Flugversuche Otto Lilienthals. Besonders auffällig ist die Rekonstruktion seines sogenannten Normal-Segelapparates. Eine Hälfte der Tragfläche wurde bewusst nicht mit Stoff bespannt. Besucher können so sehen, wie einfach und zugleich ausgeklügelt Lilienthals Konstruktion war.

Historische Fotos werden lebendig

Mindestens ebenso eindrucksvoll sind die historischen Fotografien. Sie dokumentieren Lilienthals Flugversuche zwischen 1891 und 1896. Die Aufnahmen waren auch fotografisch außergewöhnlich, weil es damals gerade erst möglich geworden war, bewegte Objekte scharf festzuhalten. In der Ausstellung werden die historischen Bilder an Medienstationen zu bewegten Sequenzen zusammengesetzt. So bekommen Besucher einen Eindruck vom Mut und vom Geschick, die für Lilienthals Versuche nötig waren.

Die Schau erzählt jedoch nicht nur von spektakulären Gleitflügen. Sie zeigt auch die jahrelange Forschungsarbeit dahinter. Beobachtungen, theoretische Überlegungen und systematische Experimente gingen den Flügen voraus.

Bruder Gustav als „zweites Ich“

Eine wichtige Rolle spielte Otto Lilienthals Bruder Gustav. Gemeinsam beschäftigten sich die Brüder intensiv mit dem Vogelflug und der Frage, welche Form eine tragfähige Fläche haben muss. Otto bezeichnete Gustav als sein „zweites Ich“.

Für das Otto-Lilienthal-Museum eröffnet das Gastspiel in Stettin zudem die Chance, ein deutlich größeres Publikum zu erreichen. Gerade weil das neue Museum in der Anklamer Nikolaikirche noch nicht fertig ist, könne nun im 130. Todesjahr Lilienthals ein Teil der Ausstellung einem polnischen und internationalen Publikum gezeigt werden.

Weitere Fahrten geplant

Das Stettiner Gastspiel soll kein Schlusspunkt sein. Anklam plant für Anfang 2027 erneut Busfahrten für Bürger nach Stettin – einschließlich eines Besuchs der Lilienthal-Ausstellung. Nach Angaben Galanders waren die bisherigen Fahrten so gefragt, dass die Reisebusse praktisch immer voll waren.

Die Sonderausstellung ist seit Samstag für das breite Publikum geöffnet. An den Ausstellungstafeln finden Besucher zudem QR-Codes, die zu weiterführenden Informationen über Lilienthal und seine Forschungen führen.

Die Sonderausstellung „Grenzenloser Himmel – Otto Lilienthal verbindet Pommern“ ist im Maritimen Wissenschaftszentrum Szczecin, Morskie Centrum Nauki im. prof. Jerzego Stelmacha, ul. Nad Duńczycą 1, zu sehen. Geöffnet ist das Haus dienstags bis freitags von 9 bis 17 Uhr sowie samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr, montags bleibt es geschlossen. Der Eintritt in die Sonderausstellung ist kostenlos; an der Kasse muss lediglich ein kostenloses Nullticket gelöst werden. Die Schau soll voraussichtlich bis März 2027 in Stettin bleiben.