Ukrainer in Neubrandenburg: Frieden als Hoffnung und Schmerz
Ukrainer in Neubrandenburg: Frieden als Hoffnung und Schmerz

Für die meisten Menschen in Mecklenburg-Vorpommern klingt das Wort „Frieden“ wie eine Selbstverständlichkeit und hat vor allem die Bedeutung von Ruhe. Ob Einsamkeit auf dem Land, Spaziergänge am Tollensesee oder ein Sommerwochenende auf Rügen – überall dort finden Leute ihren Frieden. Doch für die Ukrainerinnen und Ukrainer, die seit viereinhalb Jahren hier Zuflucht gefunden haben, bedeutet dieses Wort etwas ganz anderes: Hoffnung und Schmerz zugleich.

Was ist das für ein Frieden?

Viele von ihnen fragen sich: Was ist das überhaupt für ein Frieden, von dem in Europa und Amerika so viel gesprochen wird? Ein Frieden um den Preis von verlorenen Städten, geraubten Kindern, zerstörten Häusern? Ein Frieden, der nur auf dem Papier existiert? Eine Antwort hat Tanya K., eine junge Mutter aus Kiew.

„Die Welt hat sich so sehr verändert, meine Heimat ist nicht mehr so, wie ich sie verlassen habe. Sie ist gleichzeitig stärker und schwächer als früher. Ich bin auch nicht mehr dieselbe und verstehe, dass es unmöglich ist, alles zurückzugeben. Aber Frieden würde mir vor allem eines geben – die Möglichkeit, wieder ein normaler Mensch zu sein.“

Frieden als Kapitulation?

Ukrainer erleben die aktuellen politischen Diskussionen mit Bitterkeit. Immer wieder hören sie die Forderung, Kiew solle „realistisch“ sein und Verhandlungen beginnen. Doch was heißt das konkret? Dass das Land auf die Krim verzichten soll, auf Städte wie Donezk oder Luhansk?

Um das Gefühl zu verdeutlichen, hilft vielleicht ein Vergleich. Stellen wir uns vor, es gäbe in Deutschland nur die Möglichkeit auf Frieden, wenn man dafür Rügen oder Usedom aufgeben müsste – ein beliebter Ferienort, Erinnerungen aus Kindheitstagen, Sommer mit Familie. Genauso schwer ist es für Menschen aus der Ukraine, sich mit dem Gedanken abzufinden, dass die Krim vielleicht für immer verloren ist.

„Wie sollte ich das meinen Kindern erklären?“, fragt Hanna aus Charkiw. „Meine Tochter war jedes Jahr bei der Oma auf der Krim. Das Meer gehörte für uns einfach zum Sommer dazu. Für uns ist die Halbinsel Krim selbstverständlich ein Stück Heimat. Jetzt heißt es, wir sollen Frieden schließen und so tun, als ob das nie uns gehörte?“

Enttäuschung und Wut

Fast alle Ukrainer, die jetzt in Neubrandenburg, Demmin oder Pasewalk leben, haben Söhne, Brüder, Männer im Krieg verloren. Andere haben Häuser zurücklassen müssen, in denen jetzt russische Soldaten wohnen. Eine Ukrainerin aus der mittlerweile okkupierten Stadt Melitopol bringt es auf den Punkt: „Wir haben so viel gegeben – und was haben wir zurückbekommen? Nur Enttäuschung und ein Loch im Herzen.“

Besonders groß ist die Enttäuschung über die internationale Politik. Während vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj erwartet wird, er solle im Anzug auftreten, rollen manche Länder für Wladimir Putin den roten Teppich aus. Ganz so, als wäre er nicht derjenige, in dessen Auftrag Städte zerstört, Tausende von Kindern entführt und Millionen ins Exil gezwungen wurden.

Der Krieg begann früher

Für viele Ukrainer begann der Krieg nicht erst mit dem russischen Angriff im Februar 2022. Bereits 2014, nach der Annexion der Krim und dem Beginn der Kämpfe im Donbass, veränderte sich ihr Leben grundlegend. Seitdem begleitet der Krieg viele Familien – lange bevor Millionen Menschen fliehen mussten.

Viele Ukrainer sind heute davon überzeugt, dass dabei wirtschaftliche Interessen eine wichtige Rolle spielten. Der Donbass war vor dem Krieg eine der wirtschaftlich stärksten Regionen der Ukraine. Heute prägen vielerorts Zerstörungen und humanitäre Not das Bild.

Auch fern der Front prägt der Krieg inzwischen das Leben der Menschen. Auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim führen Angriffe auf Verkehrswege und Energieinfrastruktur zu Stromausfällen sowie Engpässen bei Treibstoff und Wasser. Das zeigt: Selbst wenn eines Tages die Waffen schweigen, werden die Folgen des Krieges noch lange den Alltag bestimmen.

Eine neue Form von Frieden

Und doch: Hier in Mecklenburg-Vorpommern entsteht eine neue Form von Frieden. Er ist stiller, unscheinbarer. Er zeigt sich darin, dass Kinder wieder auf einem Spielplatz in Ruhe schaukeln können. Dass eine Studentin an der Hochschule Neubrandenburg Vorlesungen besucht, obwohl sie immer wieder auf ihr Handy schaut, ob aus der Heimat neue Nachrichten kommen.

„Für mich heißt Frieden“, sagt ein ukrainischer Rentner, der jetzt in Burg Stargard lebt, „dass ich morgens Nachrichten lesen kann, ohne Angst, dass jemand anruft und sagt: ‚Dein Sohn ist gefallen.‛ Frieden ist kein großes Wort. Frieden ist, wenn man einfach lebt.“

Für die Ukrainer hier bleibt die Frage offen, ob der ersehnte Frieden jemals ihren Erwartungen entsprechen wird. Viele wissen: Ihre Heimat wird nie wieder so sein wie vor 2022. Aber sie hoffen, dass wenigstens eines möglich bleibt: wieder „normale Menschen“ zu werden.