Usedom-Fan will nach NDR-Doku nicht mehr auf die Insel
Usedom-Fan will nach NDR-Doku nicht mehr hin

Seit mehr als 50 Jahren verbringt Ines Wagner ihren Urlaub auf Usedom. Die 58-Jährige liebt die Insel so sehr, dass sie in der Ostsee beerdigt werden möchte. Doch nach dem Ansehen einer NDR-Dokumentation über die medizinische Infrastruktur auf der Insel will sie nicht mehr dorthin reisen.

Die Dokumentation zeigt, dass Usedom kein deutsches Krankenhaus besitzt. Diese Lücke zwingt die Retter zu einem Wettlauf gegen die Zeit, weil Reise- und Pendelverkehr auf die Insel oder zum Festland die Zufahrten oft verstopfen. Wenn die Inselbrücken für den Schiffsverkehr öffnen, bleibt den Rettern häufig nur die Luftrettung. Der in Greifswald stationierte Rettungshubschrauber Christoph 47 startet bis zu achtmal am Tag und fliegt zur Ostseeinsel.

Zehn Stunden bis zur Ostsee

Der Bericht bewegte Ines Wagner sehr. Seit ihrer Kindheit macht sie Urlaub auf Usedom. „Ich liebe die Insel und die Menschen; sie sind wie meine zweite Heimat“, sagt sie. Auch in diesem Jahr verbrachte die 58-Jährige ihren Urlaub in Mecklenburg-Vorpommern. Die Frührentnerin stammt ursprünglich aus Thüringen, zog nach der Wende in den Westen und lebt heute in Knittlingen (Baden-Württemberg). Gemeinsam mit ihrem Partner Michael Hoffmann fährt sie jedes Jahr zehn Stunden von ihrem Wohnort zu ihrer Trauminsel.

Zu DDR-Zeiten fuhr die Familie von Ines Wagner oft nach Ückeritz. „Es war damals schwierig, Ferienwohnungen zu bekommen, deshalb zelteten wir oft“, erzählt sie. Heute bucht sie ihre Ferienwohnung schon neun Monate im Voraus, meistens in Bansin.

Schock über fehlendes Krankenhaus

Doch nun überlegt sie, ob sie weiterhin nach Usedom reisen sollte. Erst der NDR-Bericht hielt ihr vor Augen, in welche Gefahr sie sich begibt. „Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht.“ Aufgrund zahlreicher Allergien, die in der letzten Zeit erheblich zunahmen, ist die 58-Jährige auf schnelle ärztliche Hilfe angewiesen.

„Bisher fühlte ich mich immer sicher“, sagt sie, „aber seit ich gesehen habe, dass es gar kein Krankenhaus auf der Insel gibt, denke ich anders darüber. Das ist ja furchtbar, ich war richtig geschockt. Ich verstehe auch nicht, warum die Bevölkerung dort nicht auf die Barrikaden geht. Ich habe gesehen, wie die Retter ihr Bestes geben und alles daransetzen, um den Menschen zu helfen. Aber sie wirken selbst verzweifelt.“

Eine Szene berührte sie besonders: „Der Krankenwagenfahrer saß in seinem Fahrzeug und versuchte, eine telefonische Verbindung zu einem Arzt herzustellen. Er schaffte es nicht, die Verbindung brach ständig ab. Er wusste gar nicht, was er spritzen sollte. Zum Glück konnte er sich auf seine eigene Erfahrung verlassen. Aber ich denke mir, das ist gefährlich.“

Ausweichen nach Rügen

Ines Wagner hat ihr Notfallset immer dabei, auch am Ostseestrand. Trotzdem hat sie jetzt Angst, denn sie weiß, dass sie bei einem allergischen Schock schnell auf medizinische Hilfe angewiesen ist. „Wenn man nicht mehr aus dem Allergieschock herauskommt, ist man verloren. Dann hat man keine Chance mehr.“

Der Bericht ist erst wenige Tage alt, und Ines Wagner muss ihn erst einmal verarbeiten, doch das Thema lässt die 58-Jährige nicht los. „Ich glaube, ich weiche nach Rügen aus. Mir bleibt gar nichts anderes übrig.“ Dieser Schritt fällt Ines Wagner nicht leicht. „Ja, es ist so traurig. Ich liebe diese Insel. Sie ist meine zweite Heimat. Ich habe schon festgelegt, dass man mich in der Ostsee beerdigen soll. Aber ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich bin echt verzweifelt, weil ich lieber nach Usedom kommen würde.“

Usedom verzeichnet jedes Jahr knapp vier Millionen touristische Übernachtungen. Die nächsten deutschen Krankenhäuser liegen in Wolgast, Anklam, Greifswald und Ueckermünde.