Das vergessene Dorf Jägerbrück: Zeitreise auf dem Truppenübungsplatz
Vergessenes Dorf Jägerbrück: Zeitreise auf dem Truppenübungsplatz

Jägerbrück ist den meisten Menschen in der Region ein Begriff, vor allem wegen des gleichnamigen Truppenübungsplatzes bei Torgelow-Drögeheide. Dass sich auf dem über 11.000 Hektar großen Gelände die Reste des Dorfes befinden, wissen nur Einheimische. Seit knapp 75 Jahren ist das riesige Areal Sperrgebiet. Von dem Dorf mitten in der Ueckermünder Heide ist neben einem Stück gepflasterter Straße, den Grundmauern einiger Häuser und einem Grab nicht viel übrig. Die Bundeswehr hat zur Erinnerung Orts- und Hinweisschilder aufgestellt.

Eine Reise in die Vergangenheit

Joachim Hartfiel, Jahrgang 1930, kennt Jägerbrück aus seiner Kindheit und hat dem Dorf ein Kapitel in seinem Buch „Zur Geschichte der Region des ehemaligen Landkreises Ueckermünde“ gewidmet. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der damals 15-Jährige in der sowjetisch besetzten Zone (SBZ) zum Dienst auf Gut Borken verpflichtet. Da die Bevölkerung hungerte, war das Gut Torgelow enteignet worden, und viele Bewohner mussten in der Landwirtschaft arbeiten. Der junge Joachim ist auf seinem Weg zum Dienst mit ziemlicher Sicherheit auch durch Jägerbrück gekommen. Diese und andere Geschichten hat der 95-jährige ehemalige Geschichtslehrer akribisch recherchiert und aufgeschrieben.

Nun konnte sich Joachim Hartfiel nach rund 80 Jahren auf Einladung des Kommandeurs des Truppenübungsplatzes, Oberstleutnant Markus Ludwig, mit eigenen Augen ansehen, was vom einstigen Dorf übrig ist.

Truppenübungsplatz hat Ausdehnung von 16 Kilometern

Zunächst ging die Fahrt über eine rund sechs Kilometer lange und bis zu zwei Kilometer breite Schießbahn des Platzes. Quer über die größte von mehreren Schießbahnen verläuft immer noch der Karpiner Damm, der einst von Eggesin nach Jägerbrück führte. An diesem Tag wurde die Fahrt von Geschützfeuer begleitet, denn die Schwarzpulverkanoniere trugen auf dem Schießplatz ihre Meisterschaft aus. Deshalb musste der Kommandeur über den Karpiner Damm nach Jägerbrück fahren. Insgesamt hat der Truppenübungsplatz eine Ausdehnung von rund 16 Kilometern.

Erster Halt war die ehemalige Schule, von der nur noch die Grundmauern und der Keller übrig sind. Zu DDR-Zeiten haben wahrscheinlich Soldaten der NVA eine schmale Metallbrücke über die Reste des Gebäudes gelegt. „Aufgeben mussten die Bewohner das Dorf 1952 auf Beschluss des Ministeriums des Innern der DDR, weil ein Truppenübungsplatz für die kasernierte Volkspolizei, später NVA, errichtet werden sollte“, las Markus Ludwig aus einer Chronik, die der geschichtsinteressierte Offizier mitgebracht hatte. Demnach wurde in der Schule die erste Kommandantur eingerichtet. Der Dorfkrug wurde zur ersten Gemeinschaftsküche umfunktioniert. Allerdings existiert von diesem Gebäude, bis auf ein kleines Schild, nichts mehr.

Bewohner werden 1952 ausgesiedelt

Im Sommer 1952 wurde mit der Aussiedlung begonnen. „Eine Bewohnerin aus Jägerbrück berichtete, dass bereits im Frühjahr des Jahres Panzer über den Karpiner Damm nach Jägerbrück ins Übungsgelände fuhren“, zitierte Hartfiel aus seinem Buch. Die Aussiedlung sei nicht ohne Konflikte abgelaufen, denn die Bauern erhielten für ihren Besitz nur geringe Entschädigungen. Bei den Alteingesessenen habe es Tränen gegeben. Der Schulbetrieb war bereits zum Ende des Schuljahres 1951/52 eingestellt worden. Von einer Zeitzeugin aus Jägerbrück namens Traute Ludwig hatte Joachim Hartfiel erfahren, dass in den 1930er-Jahren Maulbeerbäume im Schulgarten gepflanzt worden waren. Ein paar der nun knapp hundertjährigen Bäume stehen noch immer neben der Ruine der Schule.

„1936 gab es die Volksbücherei in Jägerbrück. Die Statistik von 1939 verzeichne 61 Einwohner, wovon 22 Leser der Bücherei waren, die 86 Bände enthielt“, trug Ludwig aus der Chronik vor. Während von den meisten Gebäuden des Dorfes überhaupt nichts mehr übrig ist, sind vom Gutshaus, das sich gegenüber der Schule befand, noch Grundmauern und Keller erhalten. Die Bundeswehr hat Geschichtsbewusstsein bewiesen und kleine Schilder aus Edelstahl mit den Namen der letzten Bewohner der einzelnen Häuser sowie eine Tafel mit einer Übersicht der Gebäude des Dorfes aufgestellt. So ist auch heute für die Soldaten noch eine Orientierung möglich.

Spaziergang durch das verlassene Dorf

Mit seinem Rollator ging es für den 95-jährigen Joachim Hartfiel langsam weiter Richtung Randow die Dorfstraße entlang. Dabei erzählte Kommandeur Ludwig weiter aus der Chronik. „In den 60er-Jahren wurde der Truppenübungsplatz nochmals umgestaltet. Dabei wurde die Kommandantur nach Drögeheide (dem heutigen Standort) verlegt“, so der Kommandeur. Anschließend seien die Gebäude in Jägerbrück abgerissen oder dem Zerfall überlassen worden. Das sei wahrscheinlich der Grund, warum von den Gebäuden an der Dorfstraße nichts mehr übrig ist. Wobei Hartfiel sich erinnerte, dass die beiden größten Gebäude solider gebaut waren und Keller hatten. Nun ist alles von hohem Unkraut überwuchert und mit Bäumen bewachsen. Wobei auch ein Birkenkreuz aufgestellt wurde, denn hier halten die Soldaten Feldgottesdienste ab.

Weiter ging es am Dorfkrug vorbei zur Randowbrücke. Diese, jetzt als Panzerbrücke ausgebaute, Querung der Randow dürfte namensgebend gewesen sein. „Die Jäger haben sie ursprüngliche benutzt, um von einem Waldstück ins andere zu gelangen“, berichtete der Senior. Bereits seit dem 16. Jahrhundert hätten hier Menschen gelebt. Laut Chronik gab es Kohlenmeiler. „Später standen hier Teeröfen. 1717 wurden alle Teerschweler auf den König vereidigt“, fügte Markus Ludwig aus der Chronik hinzu. „Mitte des 19. Jahrhunderts war Jägerbrück ein kleines abgelegenes Dorf mitten in der Ueckermünder Heide. Es gab nur einen kleinen Gutshof, einen Dorfkrug, eine Revierförsterei und ein paar Wald- und Landarbeiterhäuser.“

Ein Stück weiter wies ein Schild auf den Friedhof hin. Dieser liegt oberhalb der Dorfstraße im Wald. „Noch Anfang der 1950er-Jahre wurde in Jägerbrück ein Friedhof angelegt. Bis dahin waren die Toten aus dem Dorf in Eggesin beerdigt worden“, wusste der 95-Jährige zu berichten. Auf dem Friedhof findet sich ein einziges Grab. Auf dem Stein steht, dass hier die Eheleute Maria und Ernst Witt begraben liegen. „Die müssen 1951 begraben und dann vergessen worden sein.“ So ganz konnte das nicht stimmen, denn die Grabanlage wirkte gepflegt.

Bald keine Zeitzeugen mehr am Leben

Auf dem Rückweg erzählte Joachim Hartfiel, dass im Dorf wegen der lokalen Abgeschiedenheit in der Heide schwierige Arbeits- und Lebensbedingungen geherrscht hätten. Selbst elektrischen Strom gab es nicht. Die Bauern mussten ihre Tiere teilweise im Dunkel melken. „Trotzdem hat es im Dorf gesellschaftliches Leben gegeben. Es gab eine FDJ- und eine FDGB-Ortsgruppe sowie eine gemeinsame Handballmannschaft. Auch Kinderfeste wurden in der Nachkriegszeit durchgeführt“, konnte sich Hartfiel an Informationen von der Zeitzeugin Marianne Gatermann erinnern, von der er auch ein Foto erhalten hat.

Der unermüdlichen Arbeit von Joachim Hartfiel ist es zu verdanken, dass das kleine abgelegene Dorf Jägerbrück nicht komplett in Vergessenheit gerät. Denn es gibt nicht mehr viele Zeitzeugen, die aus eigener Erfahrung berichten können. Auch deshalb gilt Oberstleutnant Markus Ludwig besonderer Dank, dass er den Zugang zum vergessenen Dorf ermöglicht hat. Das erstaunliche Wissen des Kommandeurs über die Geschichte des Areals beweist, dass diese auch bei der Bundeswehr in guten Händen ist. Auf dem Truppenübungsplatz befinden sich neben Jägerbrück noch einige andere vergessene Wohnplätze.