Neulich war Martin Trotz mit seinen beiden Kindern an einem Strand am Tollensesee. Ein Ehepaar saß am Ufer. Die Frau schaute durch ihre Sonnenbrille deutlich in ihre Richtung. Anfangs dachte er noch, sie finde die Kinder drollig. Doch mit stetigem Starren wuchs das Unbehagen. Sie ließ nicht ab mit ihren Blicken.
Unangenehme Situation am Ufer
Unangenehm wurde es, als eines der Kinder nicht aus dem Wasser wollte. Mehreren Aufforderungen von der Bank aus kam die Kleine nicht nach. Er holte sie, sie quengelte erstmal. Der Mann starrte aufs Wasser, die Frau drehte ihren Kopf von links nach rechts, um über ihre Schulter hinweg weiter das Geschehen zu beobachten.
Er war endgültig genervt – nicht von der Tochter, sondern von dieser Frau. Er überlegte, sie zu fragen, ob sie sich gut unterhalten fühle, ließ es aber, um vor Ort keine weitere Baustelle für sein Nervenkostüm zu öffnen.
Vermutung: Vater mit Kindern ist noch immer ungewöhnlich
Er fragte sich innerlich, woran das permanente Beobachten lag. Seine eigene Vermutung in dem Moment war eine böswilligere Unterstellung: Ist es immer noch so besonders, wenn ein Vater mit zwei kleinen Kindern unterwegs ist und sich um sie kümmert? Fragte sie sich, wo wohl die Mutter ist? Oder war es für sie Unterhaltung zur besten Sendezeit in der Realität?
Das Ganze passierte ihm nicht zum ersten Mal. In einem Ostseeurlaub als ganze Familie am Südostzipfel Rügens vor wenigen Jahren, als die Kinder erst knapp drei und ein Jahr alt waren, gab es beim Betreten eines Restaurants direkt strafende Blicke von mehreren Leuten. Ihm fiel auf: Es ist die Generation seiner Mutter, die besonders gern schaut – die Frauen und Mütter der Boomer-Generation. Ziehen sie den Vergleich, wie es heute gemacht wird, oder wundern sie sich positiv, dass sich Väter heute mehr beteiligen?
Leben in Mecklenburg-Vorpommern
Er fragt sich, ob es ihm besonders auffällt, weil er in Mecklenburg-Vorpommern lebt. Hier kennt man den Spruch: „Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht.“ Abgewandelt könnte es in seinem Fall lauten: „Was der Bauer nicht kennt, das guckt er sich erst mal an.“ In kleineren Städten und ländlichen Regionen wird mehr beobachtet als anonym in der Großstadt. Vielleicht steckt hinter den Blicken auch keine alleinige Erklärung: ein bisschen Neugier, ein bisschen Nostalgie, ein bisschen stilles Urteilen – und vielleicht auch ehrliche Anerkennung dafür, dass Väter heute selbstverständlich allein mit ihren Kindern unterwegs sind. Die Generation seiner (Groß)Eltern hat Familie oft anders erlebt: Der Vater war häufig der Ernährer, die Mutter organisierte den Alltag mit den Kindern. Wer dieses Rollenbild jahrzehntelang verinnerlicht hat, schaut vielleicht einfach länger hin, wenn es heute anders aussieht.
Trotzdem bleibt die Frage: Warum wird aus einem flüchtigen Blick ein stetiges, minutenlanges Beobachten? Denn Interesse ist das eine, jemanden zum unfreiwilligen Alleinunterhalter zu machen, das andere. Lieb gemeint: Sprecht doch lieber (wieder) mehr miteinander!