Seit 1924 erzeugt das Wasserkraftwerk Zülow östlich von Sternberg Strom aus dem Wasser der Mildenitz. Die Anlage gilt bis heute als größtes Wasserkraftwerk in Mecklenburg-Vorpommern. Zwischen Rothener See und Trenntsee fällt die Mildenitz auf kurzer Strecke um rund 22 Meter ab – eine für den Norden ungewöhnliche Fallhöhe, die den Bau erst sinnvoll machte.
Ein kleines Kraftwerk wird groß
Die Idee, an dieser Stelle Strom zu gewinnen, entstand bereits 1908. Gebaut wurde aber erst nach dem Ersten Weltkrieg: Zwischen 1922 und 1924 errichtete die Philipp Holzmann AG die Anlage im Auftrag der Mecklenburg-Schwerinschen Landes-Elektrizitätswerke. Als das Kraftwerk im August 1924 ans Netz ging, waren viele Dörfer zwischen Schwerin und Güstrow noch nicht zuverlässig mit Strom versorgt. Zülow speiste Energie in ein Netz ein, das damals erst aufgebaut wurde. Verbindungen bestanden unter anderem zum Dieselkraftwerk Neustadt-Glewe und zum Wasserkraftwerk Hechtsfortschleuse bei Grabow.
Kanäle führen Wasser zum Werk
Für den Bau wurde ein großer Teil des Wassers umgeleitet. Unterhalb des Rothener Sees zweigt ein künstlicher Kanal vom natürlichen Lauf ab und führt zur Anlage. Ein Abschnitt verläuft unterirdisch – dieser Tunnel wurde angelegt, damit landwirtschaftliche Flächen weiter zusammenhängend genutzt werden konnten. Vor dem Kraftwerk sammelt sich das Wasser, wird durch ein großes Rohr den Hang hinuntergeführt und trifft unten auf die Turbinen. Anschließend fließt es über einen weiteren Kanal zurück in Richtung Sternberger See. Der Eingriff prägt die Umgebung bis heute.
Die Eiszeit formte das Gelände
Die Weichseleiszeit hinterließ rund um Sternberg ein hügeliges Endmoränengebiet. Für Mecklenburg ist die dortige Fallhöhe der Mildenitz eine Ausnahme. Zur Inbetriebnahme arbeiteten in Zülow zwei Francis-Turbinen mit jeweils 675 PS. Die angeschlossenen Generatoren leisteten je 500 Kilowatt. Der erzeugte Strom wurde im Schalthaus auf eine höhere Spannung gebracht und über Fernleitungen weitergegeben.
Strom für besonders hohe Nachfrage
Ursprünglich arbeitete Zülow als Speicherwasserkraftwerk: Bei geringerem Verbrauch wurde Wasser aufgestaut, bei steigendem Bedarf liefen die Turbinen an. So konnte die Anlage andere Kraftwerke entlasten, besonders das Dieselkraftwerk in Neustadt-Glewe. Nach dem Zweiten Weltkrieg demontierten sowjetische Soldaten Turbinen und Generatoren. Um an die schweren Maschinen zu gelangen, wurde die Außenmauer der Maschinenhalle mit einem Panzer durchbrochen – an dieser Stelle befindet sich heute ein großes Tor.
Neubeginn mit Technik aus Meißen
In den 1950er-Jahren wurde die Stromerzeugung wieder aufgebaut. 1954 kamen zwei neue Turbinensätze aus den VEB Turbowerken Meißen in die Anlage. Die heutige Leistung liegt bei rund 1,1 Megawatt, verteilt auf zwei Maschinensätze mit jeweils 550 Kilowatt. Die Generatoren wurden 2005 erneuert, gesteuert wird die Anlage inzwischen mit moderner Technik. Heute arbeitet Zülow als Laufwasserkraftwerk; je nach Wasserführung entstehen jährlich mehrere Millionen Kilowattstunden Strom.
Viele Bauteile blieben erhalten
Trotz aller Umbauten stammt viel von der Anlage noch aus der Bauzeit: das Kraftwerksgebäude, der Kanal, Betonbrücken, ein Pegelhäuschen, das Einlaufbauwerk und das Wohnhaus. Auch ältere Schalt- und Rechenanlagen werden aufbewahrt, obwohl sie nicht mehr in Betrieb sind. Seit den frühen 1980er-Jahren steht das Wasserkraftwerk unter Denkmalschutz. Bis 2004 gehörte es zur WEMAG, danach ging es in private Hand über. Heute wird es unter dem Namen Wasserkraft Zülow GbR betrieben. Mehr als 100 Jahre nach Baubeginn liefert die Anlage weiter Strom aus der Mildenitz und gehört zu den wichtigen technischen Denkmalen Mecklenburgs.