In seiner Kolumne berichtet Leo Löwe diesmal vom Traum der Selbstständigkeit und von möglichen Problemen im Alter. Er erzählt von einem Lkw-Fahrer, der sich mit den Herausforderungen des Alters auseinandersetzen muss.
Der Traum vom freien Leben
Ich nenne den Mann, über den ich heute schreiben will, einfach mal Hannes. Eigentlich heißt er anders, aber ich will ihn nicht kränken, wenn er diese Zeilen lesen sollte. Wir kennen uns seit Kindertagen, und immer schon war sein Traumberuf Lkw-Fahrer. Auf dem Bock sitzen, durch schöne Alleen fahren, ab und zu in malerische Landschaften schauen, Pause machen auf stillen Rastplätzen – das war immer sein Ziel. Und als er den Unterschied zwischen Arbeitsverhältnis und Selbstständigkeit begriff, war natürlich die Vertragsfreiheit seine Vorstellung von einem ungebundenen Leben.
Die ersten Jahre liefen gut
Anfang der 1990er Jahre konnte er seinen Traum verwirklichen. Er kaufte sich einen Lkw für Schüttgut auf Kredit, bekam Aufträge von Unternehmen im ländlichen Raum und war fortan auf den Landstraßen in Norddeutschland unterwegs. Er transportierte Dünger vom Kalihafen Wismar oder vom Hansahafen Hamburg zu Landwirten von Emden bis Templin, fuhr Weizen von den Erntefeldern nach Lübeck oder Rostock. Alles lief gut.
An Rente oder Krankheit dachte er nicht. Das war was für Sicherheitsfanatiker und Weicheier! Wenn er mal in seinen Lkw investieren musste oder an seinem Haus etwas kaputt war, fuhr er eben eine Tour extra. Das war zwar anstrengend und zog sich bis weit in die Nacht, aber der Fahrtenschreiber ließ sich eben überlisten.
Die Versäumnisse rächen sich
Er hätte sich freiwillig versichern können, damit er später einmal eine ausreichende Rente hätte. Und er hätte sich mehr als den billigsten Tarif in der freiwilligen Krankenversicherung leisten können. Aber dann war da die neue Ölheizung zu bezahlen, und seine Familie sollte auch gut leben.
Als er 65 Jahre alt war, dachte er zum ersten Mal gründlich über sein Alter nach. Zum ersten Mal sah er sich sorgfältig die Rentenmitteilung an, die er jedes Jahr bekam. 665 Euro pro Monat waren wirklich mickrig, und seine Ersparnisse waren draufgegangen, um seinen Lkw durch den TÜV zu bringen. Seine Ackerflächen hatte er für den neuen Lkw verkauft.
Die Gesundheit macht nicht mit
Es blieb ihm also nichts weiter übrig, als weiter Lkw zu fahren. Da gab es ja keine Altersgrenze. Dann aber merkte er, dass mit seiner Verdauung etwas nicht stimmte. Widerwillig ging er zu den Ärzten und ließ sich untersuchen. Darmkrebs! Stück um Stück musste aus ihm herausgeschnitten werden. Immer wieder musste er Touren absagen, weil er im Krankenhaus festsaß.
Jetzt ist Hannes 71, und der Krebs scheint besiegt – vorerst. Er hat einen künstlichen Darmausgang und das Fahren fällt ihm schwer. Aber was soll er machen? Was an Geld übrig ist, geht für Eigenanteile an Medikamenten drauf. Wie er die Verlängerung seiner Fahrerlaubnis schaffen soll, ist ihm ein Rätsel – aber er muss weiter fahren. Der Staat könnte helfen – aber Hannes ist immer noch zu stolz, um überhaupt zu fragen. Also wird er weiterfahren, bis er eines Tages tot vom Bock fällt.