Jörg Becker aus Bad Doberan: Leben mit dem Herzen eines Fremden
Jörg Becker: Leben mit dem Herzen eines Fremden

Nachts, wenn das Licht auf der Station gedimmt wird und nur noch die Notbeleuchtung flimmert, liegt Jörg Becker wach in seinem Bett im Herzzentrum der Berliner Charité. Ein gutes Jahr verbringt er hier, ist verkabelt, hängt an Infusionen. Sein Herz ist zu schwach, um aus eigener Kraft zu schlagen. Sein ständiger Begleiter: das monotone Piepen der Monitore und Schlürfen der Maschinen, an denen er hängt. „Das Geräusch ist gut“, sagt er, „weil du weißt: Du lebst noch.“

Es ist das Jahr 2021. Der frühere Sozialarbeiter wartet bereits seit knapp zwei Jahren auf ein Spenderherz: die meiste Zeit davon auf höchster Dringlichkeitsstufe. Quälend ist aber nicht das Warten, nicht der Lärm der Maschinen. Quälend ist ein Gedanke, der sich in seinem Kopf, vor allem nachts, „wie in Dauerschleife“ abspult: „Du hoffst für das eigene Überleben eigentlich jede Sekunde auf den Tod eines Fremden. Und das macht was mit deiner Seele.“

„Habe ich das Recht, mich zu freuen, dass ich lebe?“

Heute sitzt Becker in einem Rostocker Café. Der Teller vor ihm zeigt die Reste eines Nachmittags, der für die meisten Menschen vollkommen unspektakulär wäre: Apfelstrudel, eine Schmelzspur Vanilleeis, Kaffeeschaum am Tassenrand. Dass in seiner Brust das Herz eines Anderen schlägt, ist ihm nicht anzusehen.

„Manchmal“, sagt er, „frage ich mich schon, wer dieser Mensch war. Ob er Kinder hatte, wie seine Eltern um ihn trauern. Und ob ich überhaupt das Recht habe, mich zu freuen, dass ich lebe.“ Es ist eine Frage, auf die es keine medizinische Antwort gibt. Eine ethische Last, die auf keinem Beipackzettel vermerkt ist.

Nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) fanden 2021 insgesamt 329 Herzen den Weg in eine fremde Brust. Ein Herz, das liegt auf der Hand, ist eine postmortale Spende. Der Mensch, dem es einmal gehörte, ist tot. Vor der Entnahme wurde der Hirntod zweifelsfrei und von zwei unabhängigen Ärzten festgestellt, die nicht an der Transplantation beteiligt sind.

Seit der Transplantation feiert er zwei Geburtstage

Seit ein Unbekannter ihm am 18. März 2021 durch seinen Tod Lebenszeit schenkte, feiert Becker zwei Geburtstage, lebt zwei Leben: das eines 62-Jährigen, der nach schwerer Krankheit ins Leben zurückfand, und ein zweites Leben mit einem Herzen in der Brust, das in fremdem Takt schlägt. In diesem Leben, sagt er, „bin ich fünf Jahre alt“. Und jedes Jahr am 18. März entzündet er eine Kerze für jenen Menschen, der ihm diese zweite Chance schenkte. „Ich bin einfach dankbar“, sagt Becker. „Dankbar, dass da einer sein Kreuz gesetzt hat bei ‚Organspende ja‛.“

Lange Zeit war Jörg Becker ein „Anpacker“, wie er sagt. Sein Leben verlief nicht immer in geraden Bahnen, aber er hat seinen Weg gefunden. Erst als Maschinenbauer, später als Heilerziehungspfleger und Sozialarbeiter. Mehr als ein Jahrzehnt leitete er eine Einrichtung für Menschen mit schwerster geistiger und körperlicher Behinderung. Jahrzehntelang lief er auf 110 Prozent und mehr. „Ich war eben der Becker und hatte einen dicken Schädel.“

Doch der Körper vergisst nicht. Jahrelanges Rauchen, die Arbeit mit Chemikalien ohne Schutzmaske und ein nie auskurierter Infekt forderten ihren Tribut: chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD). „Von da an gab es von meinem Körper eigentlich einen Warnschuss nach dem nächsten, von Leistenbruch bis Infektion“, sagt er. Aber: „Alle Schmerzen habe ich einfach wegignoriert.“

Herzinfarkt und Zusammenbruch seines Selbstbildes

2017 zog er der Familie und der Gesundheit wegen nach Mecklenburg-Vorpommern. Die Ehe zerbrach kurz darauf. Berufliche Neuorientierung, unverarbeitete psychische Altlasten aus seiner Zeit als Pfleger und schließlich der körperliche Kollaps: Anfang 2020 erlitt er einen ersten Herzinfarkt. Er schonte sich nicht – „der Becker eben“ – und so folgte nur kurz darauf der zweite, dieses Mal mit Folgeschäden, die nicht mehr operabel waren.

Das Leben, das er jetzt lebt, ist geprägt von den Routinen der medizinischen Nachsorge und den Folgen des körperlichen Traumas. „Wie anders das Leben sein wird“, sagt er, „das erzählt einem zwar die Ärzte.“ Und die seien alle, „wirklich alle einfach nur toll“ zu ihm gewesen. Auch das Pflegepersonal. Aber vorstellen, wie es einmal sein würde, „konnte ich mir nie“.

Als er nach der OP aufwachte, übermannte ihn eine Panikattacke: „Da war nur ein fremdes Gesicht über mir“, erinnert er sich. Verwandte, Freunde, irgendjemand, der ihm vertraut war – keiner durfte zu ihm. „Erstens war es mitten in der Corona-Zeit und zweitens wäre das auch so nicht gegangen“, erzählt er. „Du liegst da auf Isolierstation erst mal.“

Direkt nach der Transplantation erlitt er eine Niereninsuffizienz. Ein zweites Mal hing sein Leben am seidenen Faden. „Das ist ziemlich häufig nach einer Herztransplantation und liegt unter anderem an den Medikamenten“, erklärt er.

Medizinische Routinen prägen seinen Alltag

Heute nimmt er allein morgens 17 verschiedene Tabletten. „Abends sind es weniger.“ Wöchentlich muss er zum Arzt, um seine Blutwerte überprüfen zu lassen. Mindestens einmal im Quartal reist er nach Berlin für den großen Check-up. „Da wird geguckt, dass das Herz auch nicht abgestoßen wird“, erklärt er. Denn das kann jederzeit passieren, auch nach Jahren noch. Eine Angst, die ihn den Rest seines Lebens begleiten wird.

Seit seinem Infarkt muss er einen Rollator nutzen. Wegen der starken Immunsuppressiva, die verhindern sollen, dass das Herz abgestoßen wird, muss er „wie ein Schießhund auf seine Gesundheit achten“, wie er sagt. Das Desinfektionsmittel ist sein ständiger Begleiter, in der kalten Jahreszeit meidet er volle Verkehrsmittel.

Das Ankommen in seinem neuen Leben war nicht leicht. „Ich habe zwei Jahre lang aus Kartons im Krankenhaus gelebt“, sagt er. „Das war jahrelang mein ‚Zuhause‛.“ Gut ein Jahr lang war er schon wieder in seiner Wohnung in Bad Doberan, bevor er es über sich bringen konnte, diese auszupacken. „Ich kann manchmal immer noch nicht glauben, dass ich überhaupt noch da bin.“

Neue Berufung: Kunst und Engagement

Dieses neue Leben hat ihm auch eine neue Berufung beschert: die Kunst, das Malen, das Schreiben. Insbesondere die abstrakte Acrylmalerei hat es ihm angetan. Außerdem engagiert er sich im Behindertenbeirat der Stadt Bad Doberan und in verschiedenen Arbeitskreisen rund um die Kunst, die Inklusion und die Barrierefreiheit. Im September wird er gemeinsam mit anderen in der Petrikirche Rostock ausstellen.

Seit Kurzem ist er auch in einem international vernetzten Fachbeirat aktiv, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, barrierefreie Museumsangebote mittels KI zu kreieren. „Es ist wirklich erstaunlich, wie viel mit wenigen Mitteln und dank KI erreicht werden kann, wenn es um Inklusion geht.“

Vorher sei ihm das nie aufgefallen, sagt er. „Vielleicht war ich da auch sehr ignorant.“ Spätestens seit die Krankenkasse ihm die Krankenfahrt via Taxi bis nach Berlin und zurück gestrichen hat, erfahre er am eigenen Leib „die Tortur“, die ein Mensch mit Behinderung durchmache, „wenn er in MV von A nach B will, ohne Auto“. Dass die Bahn regelmäßig zu spät komme, sei da noch das Geringste: „Da gehen die Fahrstühle nicht, da sind die Zeiten zwischen den Umstiegen so kurz, dass selbst Menschen, die gut zu Fuß sind, Probleme bekommen, da stimmt die Gleisansage nicht und und und.“ Da wolle er auch ran, irgendwann, dass das mal besser werde. „Der Becker eben.“

Dieses Getriebensein, „irgendwie will das nicht weggehen“, sagt er. „Ich muss das alles machen.“ Die Ärzte, die Krankenkasse, die so viel Geld in ihn gesteckt hat – er wolle sie nicht enttäuschen. Auch nicht die Angehörigen des Spenders. „Und am allerwenigsten meine Familie.“

Die Zeit des Wartens, „wenn du an den immer höher eingestellten Rädchen von deinen Fusionsgeräten und Maschinen merkst, wie es schlechter um dich steht, Tag für Tag“, wird er nie vergessen können. Auch nicht das Gefühl dieser „seltsamen Ruhe“, die ihn überkam, als es hieß: „Herr Becker, packen Sie Ihre Sachen, wir haben da vermutlich ein Herz für Sie.“ Und jeden Tag, bis an sein Lebensende wird er sich fragen: „Bin ich jetzt ein anderer?“