Nach Herztransplantation: Jörg Becker feiert zwei Geburtstage
Nach Herztransplantation: Jörg Becker feiert zwei Geburtstage

Jörg Becker aus Bad Doberan hat am 18. März 2021 ein Spenderherz erhalten. Seitdem feiert er zwei Geburtstage und lebt mit dem Herzen eines Fremden. Der frühere Sozialarbeiter verbringt über ein Jahr im Herzzentrum der Berliner Charité, bevor er die Transplantation erhält.

Ein Leben im Takt eines Anderen

Becker wartet fast zwei Jahre auf ein Spenderherz, die meiste Zeit auf höchster Dringlichkeitsstufe. Nachts, wenn das Licht auf der Station gedimmt wird, liegt er wach und hört das monotone Piepen der Monitore. „Das Geräusch ist gut“, sagt er, „weil du weißt: Du lebst noch.“

Quälend ist für ihn der Gedanke, der sich in Dauerschleife abspult: „Du hoffst für das eigene Überleben eigentlich jede Sekunde auf den Tod eines Fremden. Und das macht was mit deiner Seele.“ Heute fragt er sich, wer der Spender war, ob er Kinder hatte und ob er das Recht habe, sich zu freuen, dass er lebt.

Zwei Geburtstage und eine Kerze am 18. März

Seit der Transplantation feiert Becker zwei Geburtstage: das Leben eines 62-Jährigen, der nach schwerer Krankheit zurückfand, und ein zweites Leben mit dem Herzen eines Anderen. In diesem Leben, sagt er, „bin ich fünf Jahre alt“. Jedes Jahr am 18. März entzündet er eine Kerze für den unbekannten Spender.

Laut Deutscher Stiftung Organtransplantation (DSO) wurden 2021 insgesamt 329 Herzen transplantiert. Am 31. Dezember 2021 standen noch 1129 Menschen auf der Warteliste. Die Zahl der Spenderherzen liegt deutlich unter der Zahl der Wartenden.

Vom Anpacker zum Herzpatienten

Becker war lange Zeit ein „Anpacker“, arbeitete als Maschinenbauer, Heilerziehungspfleger und Sozialarbeiter. Jahrelanges Rauchen, Arbeit mit Chemikalien ohne Schutzmaske und ein nie auskurierter Infekt führten zu COPD. Anfang 2020 erlitt er einen ersten Herzinfarkt, kurz darauf einen zweiten mit nicht operablen Folgeschäden.

Nach der Operation übermannte ihn eine Panikattacke. Direkt nach der Transplantation erlitt er eine Niereninsuffizienz. Heute nimmt er morgens 17 Tabletten, wöchentlich muss er zum Arzt, mindestens einmal im Quartal nach Berlin zum Check-up. Wegen der Immunsuppressiva muss er „wie ein Schießhund auf seine Gesundheit achten“.

Neue Berufung: Malen und Engagement

Becker hat eine neue Leidenschaft gefunden: die abstrakte Acrylmalerei. Im September wird er in der Petrikirche Rostock ausstellen. Er engagiert sich im Behindertenbeirat der Stadt Bad Doberan und in einem international vernetzten Fachbeirat für barrierefreie Museumsangebote mittels KI. „Es ist wirklich erstaunlich, wie viel mit wenigen Mitteln und dank KI erreicht werden kann, wenn es um Inklusion geht.“

Er kritisiert die Barrieren im Alltag, etwa die gestrichene Krankenfahrt via Taxi nach Berlin und die Probleme mit der Bahn. „Da gehen die Fahrstühle nicht, da sind die Zeiten zwischen den Umstiegen so kurz, dass selbst Menschen, die gut zu Fuß sind, Probleme bekommen.“ Er wolle sich dafür einsetzen, dass das besser werde.

Bis an sein Lebensende wird er sich fragen: „Bin ich jetzt ein anderer?“