Lockerung des Sonntagsfahrverbots: Spediteure warnen vor Panikmache
Sonntagsfahrverbot gelockert: Warnung vor Panikmache

Nach Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern haben in dieser Woche auch Schleswig-Holstein und Hamburg das Sonntagsfahrverbot für Lkw ausgesetzt. Das stößt auf unterschiedliche Reaktionen. Einfacher macht es das Geschäft aber nicht.

Kritik aus der Praxis

Seit zehn Jahren ist der Hamburger Erwin Greifeld als Lkw-Fahrer unterwegs. Er transportiert Seecontainer-Ware. Heute von Hamburg in ein Lager nach Bielefeld. Dass er und seine Kollegen jetzt auch sonntags fahren dürfen und sollen, hält Greifeld für wenig sinnvoll. Er findet sogar noch drastischere Worte: "Das ist Quatsch. Wir haben einfach nicht genug Fahrer und Fahrzeuge, die das abdecken."

Weil die Binnenschifffahrt durch Hitze und Trockenheit stark eingeschränkt ist, sollen Lkw Abhilfe schaffen. Lenk- und Ruhezeiten müssen eingehalten werden.

Hintergrund: Niedrigwasser und fehlende Fahrer

Die Tiefststände des Rheins sorgen für Probleme in der Binnenschifffahrt. Ganz besonders in der Stahl-, Chemie- und Mineralölindustrie, teils auch in der Baubranche. Unternehmen, die am Rhein ihre Standorte haben, kommen nur eingeschränkt an Rohstoffe und Vorprodukte. Allerdings sind etwa 100 Lkw notwendig, um ein Binnenschiff zu ersetzen. Das Problem: In Deutschland fehlen laut Wirtschafts- und Logistikverbänden schon jetzt rund 70.000 Lkw-Fahrer.

Darüber hinaus dürfen Erwin Greifeld und seine Kollegen ohnehin nicht mehr unterwegs sein, als sie es jetzt schon sind. Denn es gibt klare gesetzliche Vorschriften zu den sogenannten Lenk- und Ruhezeiten. "Wenn wir am Freitag erst um 20 Uhr nach Hause kommen, dann können wir natürlich nicht gleich am Sonntag wieder morgens um 6 Uhr starten, weil wir dann zum Beispiel eine sogenannte Wochenruhezeit noch nicht voll haben. Deshalb bringt das eigentlich überhaupt nichts", erklärt der Lkw-Fahrer.

Politik sieht kurzfristige Lösung auf der Straße

Karen Sieksmeyer vom Wirtschaftsministerium SH hält Versorgungsengpässe für unwahrscheinlich. Die zuständigen Minister der Länder wollen alles auf die Straße bringen, was geht - auch sonntags. "Das beeinflusst natürlich die Lieferketten in ganz Deutschland. Also wenn in Nordrhein Westfalen Waren feststecken, dann kann das auch zu Versorgungsengpässen hier oben führen. Im Moment sehen wir das noch nicht so, aber das kann natürlich potenziell so sein", sagt Karen Sieksmeyer, Pressesprecherin Wirtschaftsministerium Schleswig-Holstein.

Bundesverband gibt Entwarnung

Probleme bei Lieferketten, Versorgungsengpässe - Schlagworte, die Sorgen machen können. Doch Frank Huster vom Bundesverband Spedition und Logistik gibt zumindest teilweise Entwarnung. Angst, dass man im Supermarkt nichts mehr bekommt, müsse man nicht haben: "So dramatisch würde ich es jetzt nicht zeichnen." Zunächst gelte es festzuhalten, welche Güter auf der Binnenschifffahrt überhaupt transportiert werden. "Das sind Mineralöle, Kraftstoffe, das sind chemische Güter, das sind Agrarmittel." Bei Agrarmitteln, also wenn Getreide transportiert werde, könne sich das tatsächlich irgendwann auf die Brotpreise niederschlagen. "Aber leere Regale, das ist ein Szenario, da würde ich vor warnen, das jetzt zu verbreiten", erklärt Huster.

Situation im Norden entspannt

Der Chemiekonzern Covestro aus Brunsbüttel belädt Schiffe, die er über den Rhein schickt, derzeit nicht voll. Zum Teil nutzt er Lkw. Und auch sonst ist die Situation im Norden noch entspannt: Auf der Elbe kann hier nach wie vor gefahren werden, viele Lieferungen kommen über das Meer. Der Verein Hamburger Spediteure erklärt, es gebe aktuell keine Probleme.

Thomas Rackow vom Logistik-Unternehmerverband SH schließt Preisanstiege nicht aus. Allerdings geht Thomas Rackow vom Unternehmensverband Logistik Schleswig-Holstein schon davon aus, dass sich Preise jetzt erhöhen könnten. Weil Transporte - gerade bei Lkw - durch die hohe Nachfrage teurer werden. "Man kann ja so disponieren, dass man andere Aufträge vorerst verschiebt, dass man dahin geht, wo die Aufträge lukrativer sind. Und wir gehen davon aus, dass die Preise steigen werden."

Cyril Alias vom DTS Entwicklungszentrum für Schiffstechnik und Transportsysteme in Duisburg gibt noch einen weiteren Aspekt zu bedenken: "Angesichts des großen Unterschieds beim Fassungsvermögen von Schiffen und Lkw ist es offensichtlich, dass sich die Kosten pro Tonnenkilometer deutlich erhöhen werden." Außerdem nehme der Konkurrenzdruck bei knapperer Kapazitäten um die verbliebenen Transportmöglichkeiten zu.

Der Hamburger Lkw-Fahrer Erwin Greifeld sagt hingegen, es sei riskant, nur aufs schnelle Geld zu gehen und Stammkunden zu vernachlässigen. Die würden sich dann anderweitig umgucken. "Und so hat man sich in der Vergangenheit leider auch schon Geschäfte kaputt gemacht."

Wie viele LKW am Sonntag tatsächlich unterwegs sein werden, ist noch unklar. Die aktuellen Engpässe werden sie aber ohnehin nur sehr bedingt lösen können.