Grüne putzen Klinken in Rostock: „Es braucht uns für eine demokratische Mehrheit“
Grüne putzen Klinken in Rostock

Sechs Grüne stehen plötzlich vor der Tür, lächeln, grüßen freundlich und lassen sich auch von Abweisungen nicht entmutigen. So läuft der Haustür-Wahlkampf in Rostock ab. Claudia Müller (45), Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen zur Landtagswahl, zieht mit Parteifreunden durch das Hansaviertel. Es gehe um jede Stimme in MV, sagt Müller. „Wir wollen eine demokratische Mehrheit erreichen.“

Info-Runde vor dem Klinkenputzen

Kurz vor dem Haustür-Wahlkampf gibt es eine Einweisung. Claudia Schulz weist die Wahlkämpfer ein: Drei pro Team und Wohnblock. Klingeln, in den Flur kommen, Flyer übergeben. „Maximal eineinhalb Minuten pro Tür“, sagt Schulz. „Nicht festquatschen, sonst schaffen wir es nicht.“ Die Aktion diene als freundliche Erinnerung an die Wahl – und daran, dass die Grünen auch da sind. Als Give-aways gibt es Malstifte, Kreide und Sonnenblumensamen.

Beim Wahlkampf an der Haustür müssen Parteileute gute Nerven haben, denn auch Ablehnung gehört dazu. Claudia Müller zieht mit Lea Wolff und Felix Winter los. Winter, Kommunalpolitiker aus Rostock, wird sie unterwegs als „meinen Nachfolger“ vorstellen. Gemeint ist der Bundestag, wo die Stralsunderin noch ein Mandat hat. Sie will jetzt in den Landtag – quasi eine Treppe tiefer in der Demokratie, aber wichtig: Denn nach Streit im Landesverband brauchte es eine neue Leitfigur. Claudia Müller war schon Staatssekretärin unter Bundesagrarminister Cem Özdemir und Koordinatorin für maritime Wirtschaft bei Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck.

Reaktionen an den Türen

In Rostock putzt sie Klinken – mit System. Die Grünen haben eine App, auf der sie festhalten, wie viele Gespräche sie pro Treppenaufgang geführt haben, wie viele Türen offen waren. Das geht oft gut. „Hallo, ich bin Claudia ...“, eröffnet Müller. Erntet nette Worte, sogar Dank oder ein „Viel Erfolg.“ Manchmal öffnet sich die Tür nicht, wenn klar ist: Die Grünen sind da. „Ich habe mich schon entschieden“, sagt ein Mann dahinter. „Free Palestine“, ruft eine Frau aus dem zweiten Stock aus dem Fenster. „Lebendige Demokratie“, reagiert Müller. Flyer wandern in Briefkästen, wo Werbung nicht verboten ist.

Klimaschutz und Sicherheit

Die Grünen kämpfen derzeit in Umfragen an der Fünf-Prozent-Hürde um den Wiedereinzug in den Landtag. Wichtigstes Thema: der Umwelt- und Klimaschutz. Da habe MV unter Rot-Rot einiges verschlafen, erklärt Müller. Sie spricht von „fünf verschwendeten Jahren“. „Wir sehen, dass die Klimakrise uns beeinflusst“, erklärt die Grüne. Es gebe extreme Wettereignisse, die vorher nicht vorhanden waren. Viele Hitzetote. „Wir reden darüber, ob wir Krankenhäuser und Senioreneinrichtungen mit Klimageräten ausstatten müssen. Die Antwort lautet: ja.“ Das müsse vernetzt mit dem Thema Energie gedacht werden. Erneuerbare brächten die Chance zu günstigen Preisen und mehr Unabhängigkeit. „Es ist also nicht nur eine Frage von Klima, sondern auch von Sicherheit.“

Als Hauptgegner sehen die Grünen die AfD. Ob es eine „stabile demokratische Mehrheit“ im Landtag gibt, entscheide sich dieses Mal an der Frage: „Sind die Grünen drin oder draußen?“ Dann wäre eine Koalition mit SPD und Linken denkbar, so Müller. Unter Umständen auch mit SPD und CDU. „Ich kann mir grundsätzlich vorstellen, mit Demokraten zusammenzuarbeiten.“ Wäre sie dann die Ministerin für Umwelt und Energie? Müller weicht charmant aus. Die Themen gehörten auf jeden Fall zusammen.

Gäbe es dagegen eine AfD in Verantwortung, würde sich vieles im Land zum Negativen verändern, ist sie überzeugt. Viele Fachkräfte und Investoren würden wegbleiben. „Eine starke AfD ist ein echtes Wirtschaftshemmnis“, so Müller. AfD bedeute für sie auch: weniger Inklusion, Eingriffe in Kultur und Medien.

Weitere Wahlkampfthemen

Einsetzen wollen sich die Grünen für mehr Mobilität durch Bus und Bahn. Eine Idee: ein Deutschlandticket für Menschen unter 27. Auch bezahlbarer Wohnraum müsse mehr entstehen; heiße: Mietendeckel anwenden, Bau-Turbo des Bundes nutzen, Genehmigungsverfahren beschleunigen. Die Flut der Ferienwohnungen müsse eingedämmt werden.

Beim Haustür-Wahlkampf in Rostock ist Unterstützung aus Berlin da. Lisa Paus, bis 2025 Bundesfamilienministerin, buhlt mit um Wählers Aufmerksamkeit. Julia Schneider, Bundestagsmitglied, hat ihren eigenen Fotografen dabei. Lächeln! Es geht treppauf und treppab. Der Laie lernt: Frauen haben bessere Karten an Haustüren – „weil sie wohl weniger bedrohlich wirken“, scherzt Müller.