Der Rostocker Podcast „Ohren für Senioren“ gibt Menschen mit Demenz eine Stimme und bewahrt ihre Lebensgeschichten. Alle zwei Wochen entsteht eine neue Folge des Formats, das von der Seelsorgerin Almut Kaplan und der angehenden Sozialarbeiterin Tinke Girulat ins Leben gerufen wurde.
Ein Mikrofon für verborgene Erinnerungen
Seit knapp zwei Jahren ist das Mikrofon der beiden Frauen ein Seismograf verborgener Erinnerungslandschaften und Lebensgeschichten, die drohen, hinter den Türen der Pflege- und Altersheime in der Hansestadt verloren zu gehen. Das Podcast-Format erwies sich dabei als perfekt: „Audio ist sehr persönlich“, erklärt Kaplan. „Es fordert den Senioren aber kein anstrengendes Kamerasetting ab.“
Alle zwei Wochen erscheint eine neue Folge – privat finanziert und komplett in Eigenregie in der Freizeit geschnitten. „Wir brennen einfach dafür“, meinen die Podcasterinnen.
Lebensgeschichten, die sonst verwehen würden
„Viele Menschen tragen gewaltige Lebensgeschichten mit sich herum“, sagt Kaplan. „Aber sie haben oft das Gefühl, nicht mehr wertvoll zu sein und nur noch auf den Tod zu warten.“ Genau hier setzt das Projekt an, das Menschen mit und ohne Demenz, die in den Altenheimen der Hansestadt wohnen, Gehör und Zeit schenkt.
„Viele Menschen haben Angst, dass ihr Leben einfach verweht“, meint Girulat. „Der Podcast erlaubt es uns, diese Geschichten, die ja wirkliche Schätze sind, zu bewahren und gleichzeitig fühlen sich die Menschen gehört, auch in der Demenz.“
Respekt in der Pflege: Jemand hört zu
„Es gibt Heime, da kippt die Ergotherapie eine Kiste mit Socken hin und sagt: Sortiert das mal“, berichtet Kaplan. „Und in der Woche darauf sortieren sie die gleichen Socken nochmal.“ Für sie gehe es aber darum, den Menschen das Gefühl zu geben, dass ihre Worte „gebraucht“ würden und „dass da draußen jemand zuhört“.
Der Umgang mit demenziell erkrankten Menschen erfordert Fingerspitzengefühl. Solange die Erkrankung im Anfangs- oder Mittelstadium ist, teilen sich viele Bewohner noch mit. „Wir fragen immer auch das Umfeld und die Angehörigen“, betont Girulat. „Denn manchmal verwischen die Erinnerungen“, erklärt die Sozialarbeiterin.
Gänsehautmomente und große Weisheit
Besonders faszinieren Kaplan die unglaublichen Leistungen vieler der Bewohner: „Zum Beispiel hat eine heute demenzkranke Frau, die mit 13 Jahren zur Vollwaise wurde, ihre drei kleinen Geschwister im Nachkriegs-Rostock allein durchgebracht.“ Eben diese Dame habe zuerst gar nichts erzählen wollen, berichtet Kaplan. „Sie sei ja keine Gräfin Dönhoff“, habe sie gesagt. Aber irgendwann sei das Gespräch ins Rollen gekommen und als eine Pflegekraft reinkommen wollte, habe sie voller Stolz gesagt: „Jetzt nicht, ich gebe gerade ein Interview.“ Kaplan betont: „Da hatte ich wirklich Gänsehaut.“
In fast allen Geschichten stecke eine große Weisheit, meint Kaplan. So habe ihr etwa Gundula R. (100), 2022 von ihrer Kindheit in Warnemünde erzählt und berichtet: „In Warnemünde wurde, solange ich Kind war, keine einzige Tür abgeschlossen. Am Tag nicht und nachts auch nicht. Und es ist nie etwas gestohlen worden. Als meine Mutter einmal auf den Dachboden ging, lag da ein armer Handwerksbursche. Und was hat sie gemacht? Sie brachte ihm Essen. Er ist doch nicht eingebrochen, sagte meine Mutter, die Tür war ja offen!“
Kaplan sieht täglich, wie unterschiedlich die Menschen mit dem Alter umgehen. „Manche schimpfen nur und man kann ihnen gar nichts recht machen“, erzählt sie. Woran das liegt? „Das kann man nicht pauschal beantworten“, meint Kaplan. „Aber ich habe schon das Gefühl, dass die Menschen, die wenige Dinge bereuen, also sich irgendwie immer mit wachem Blick und einer positiven Lebenseinstellung an die Herausforderungen des Lebens gemacht haben, dass die häufig zufriedener auch im Alter sind“, meint Kaplan. Zufriedenheit trage bis ins hohe Alter hinein.
Schattenseiten des Pflegesystems
Durch ihre Arbeit als ausgebildete Altenseelsorgerin sieht Almut Kaplan auch die Schattenseiten des Pflegesystems. „Warum die Menschen unglücklich sind, ist nicht unbedingt der Tod, sondern wie mitunter mit ihnen umgegangen wird.“ Wobei das keinesfalls pauschal gelte, stellt Kaplan klar. Viele Ältere würden sagen „sie wollen nicht mehr leben“, und meinen „sie wollen so nicht mehr leben“.
Gewalt in der Pflege fange im Kleinen an – dort, wo durch akuten Personalmangel die Empathie auf der Strecke bleibe. „Wenn eine hundertjährige Frau im Bett liegt und bittet: ‚Können Sie mir das Licht anmachen?‘ und die Pflegekraft antwortet: ‚Sie brauchen kein Licht und raus geht‘ – das ist auch eine Form von Gewalt“. Am Ende sei es vor allem eine Sache, die jeder tun könne: „Sich Zeit nehmen!“
Das Schönste kommt für das Podcast-Team am Ende, wenn die frisch produzierte Folge im Gemeinschaftsraum abgespielt wird: „Da ist es plötzlich mucksmäuschenstill“, so Kaplan. „Und dann sieht man, wie stolz die Menschen sind. Das ist einfach wunderbar.“