Profiler Petermann: 95-Seiten-Erklärung von Gina H. birgt Gefahr
Profiler: 95-Seiten-Erklärung von Gina H. birgt Gefahr

Im Mordprozess um den achtjährigen Fabian hat die Angeklagte Gina H. am 22. Prozesstag eine 95 Seiten lange Erklärung vorgelesen und darin alle Schuld von sich gewiesen. Deutschlands bekanntester Profiler Axel Petermann ordnet diese Einlassung ein und sieht darin eine Gefahr für die Angeklagte.

Keine weiteren Fragen nach der Aussage

Seit April steht die Ex-Freundin von Fabians Vater wegen Mordes vor Gericht. Sie bestreitet die Anklage. Fragen darüber hinaus wird sie aber wohl nicht mehr beantworten. „Sie würde das gern wollen, aber sie würde das nicht überstehen“, sagte ihr Anwalt Thomas Löcker.

Der Richter Holger Schütt hatte nach der Aussage erklärt, dass ihre Angaben glaubhafter wären, wenn sie danach auch Fragen beantworten würde. Der 30-Jährigen, der heimtückischer Mord an Fabian vorgeworfen wird, droht lebenslange Haft.

Petermann: Vorbereitete Erklärung zeigt nur gewollte Darstellung

Für Axel Petermann ist die Verweigerung weiterer Fragen problematisch. Eine vorbereitete Erklärung zeige nur, was die Angeklagte und ihre Verteidigung vortragen wollen. „Erst Nachfragen zeigen, ob sie auch unerwartete Einzelheiten nachvollziehbar erklären kann. Das Schweigerecht bleibt selbstverständlich bestehen. Aber eine Darstellung, die keiner unmittelbaren Überprüfung durch Fragen zugänglich ist, kann in ihrer Beweiskraft begrenzter bleiben.“

Das Gericht muss laut dem Experten nun sämtliche entscheidungserheblichen Behauptungen der 95-seitigen Erklärung ernsthaft prüfen. Gegebenenfalls müssten dafür Zeugen erneut vernommen, ergänzende Gutachten eingeholt oder Ermittler mit Nachprüfungen beauftragt werden. Das Gericht dürfe die Einlassung weder ungeprüft übernehmen noch allein deshalb verwerfen, weil sie spät erfolgt ist.

Gefahr durch neue Widersprüche

Eine 95 Seiten lange Erklärung ist laut Petermann sicherlich nicht alltäglich, bei einem umfangreichen Mordprozess aber auch nicht ungewöhnlich. Sie berge allerdings eine Gefahr für die Angeklagte: „Mit jeder konkreten Angabe schafft Gina H. neue Überprüfungsmöglichkeiten und möglicherweise weitere Widersprüche. Sie hat sich daher nur dann einen Gefallen getan, wenn ihre Erklärungen in den entscheidenden Punkten nachvollziehbar sind und sich mit den forensischen Spuren, digitalen Daten und den als glaubhaft bewerteten Teilen der Zeugenaussagen vereinbaren lassen.“

Entscheidend sei ohnehin nicht, wie lang oder emotional ihre Erklärung war, sondern ob sie die zentralen Verdachtsmomente plausibel erklären kann. Dazu gehören insbesondere ihre Anwesenheit am späteren Fundort vor der offiziellen Entdeckung, frühere widersprüchliche Angaben, die offenbar erfolgte Alibiabsprache, die Spuren in ihrem Fahrzeug und die belastenden Zeugenaussagen.

„Ihre Einlassung beseitigt diese Indizien nicht automatisch. Sie kann ihnen aber eine andere Bedeutung geben – vorausgesetzt, ihre Erklärungen erweisen sich als belastbar“, so Petermann.

Die Aussage, dass Blut auf der Küchenrolle im Auto war, da Fabian sich bei einem Badeausflug verletzt hat, sei zwar eine mögliche, aber bislang nicht belegte Erklärung. Unklar bleibt, ob der Ausflug bezeugt werden kann, ob die Blutmenge dazu passt und ob Gina H. diese Version schon vor dem Spurenfund genannt hat. Zudem wirft die angebliche Fahrzeugreinigung Fragen auf, da die blutige Küchenrolle dennoch im Auto gefunden wurde.

Insgesamt kommt Axel Petermann zu dem Schluss, dass Gina H. mit ihrer Einlassung einen notwendigen, aber riskanten Schritt getan hat. Die entscheidende Frage laute nicht, ob ihre Geschichte möglich ist, sondern ob sie mit der Gesamtheit der objektiven Beweise vereinbar ist.