Die „Undine“, einst das älteste erhaltene Seebäderschiff Deutschlands, existiert nicht mehr. Am Ende blieb nur ein Fragment: Voraussichtlich Heck und Ruderblatt sollen als Denkmalrest erhalten bleiben, der Rest des Rumpfs wurde verschrottet. Das Schiff, das 1910 als „Kronprinz Wilhelm“ auf der Rostocker Neptunwerft vom Stapel lief, hatte Unglücke, Kriege und Bomben überstanden, scheiterte aber letztlich an Geld und fehlenden Lösungen.
Vom Stapel zur Katastrophe
Gebaut wurde der Salon- und Passagierdampfer für den Rostocker Kapitän und Reeder Paul Mestermann. Unter der Baunummer 306 lief das Schiff am 9. März 1910 vom Stapel, die Probefahrt folgte am 23. April. Es war 34,5 Meter lang, 6,79 Meter breit und für bis zu 190 Fahrgäste ausgelegt – ein typischer Bäderdampfer seiner Zeit, gebaut für Ausflüge entlang der Küste.
Eigentlich sollte das Schiff von Warnemünde aus fahren. Nach Streitigkeiten mit der Rostocker Hafenverwaltung verlegte Mestermann den Liegeplatz jedoch zunächst nach Greifswald. Von dort aus bot die „Kronprinz Wilhelm“ Fahrten nach Ruden, Swinemünde, Usedom und Rügen an.
Am 28. Juli 1912 wurde der Dampfer mit einem schweren Unglück in Binz auf Rügen verbunden. Als die „Kronprinz Wilhelm“ an der Seebrücke anlegen wollte, brach ein tragender Balken des überfüllten Landungsstegs. Rund hundert Menschen stürzten ins Wasser, 16 starben. Das Schiff selbst trug keine direkte Schuld, wurde aber eng mit der Katastrophe verknüpft. Das Unglück gilt als einer der Auslöser für die spätere Gründung der DLRG.
Krieg und Wiederaufbau
Wenig später verlegte Mestermann den Liegeplatz zurück nach Warnemünde. In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg fuhr das Schiff wieder verstärkt im Bäderverkehr und steuerte Arendsee, Heiligendamm, Graal-Müritz und Brunshaupten an. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs wurde die „Kronprinz Wilhelm“ als Hilfsschiff der Kaiserlichen Marine eingesetzt und übernahm Kurier- und Transportaufgaben.
Nach dem Krieg kehrte das Schiff in den zivilen Einsatz zurück. 1920 wurde der Name auf „Kronprinz“ verkürzt. Wirtschaftlich lief es schlecht: Weltwirtschaftskrise und sinkende Erträge führten zum Zusammenbruch der Reederei. 1932 wurde das Schiff zwangsversteigert und vom Rostocker Reeder Carl Cords übernommen, 1934 kaufte Kapitän Paul Hahn die „Kronprinz“.
Im Zweiten Weltkrieg diente der Dampfer unter der Kennung DWO 152 als Minenräumboot und Wachschiff. Am 29. Juli 1943 erhielt das Schiff bei einem Angriff der US-Luftwaffe auf die Arado-Flugzeugwerke einen Bombentreffer und geriet in Brand. Sechs Besatzungsmitglieder starben. Der brennende Rumpf wurde auf den Breitling geschleppt und gelöscht, danach baute man die Maschinen aus.
Neue Karriere als „Undine“
Kurz vor Kriegsende kaufte Paul Hahn die Überreste zurück. Nach dem Krieg nutzte die Rote Armee das Wrack zunächst als Abfalltender, später begann der mehrjährige Umbau zum Motorschiff. 1950 wurde das Schiff als „Undine“ ins Register eingetragen. In den frühen DDR-Jahren diente es als Bergungs- und Arbeitsschiff, ab 1955 wieder im Fahrgastverkehr mit Hafenrundfahrten und Ausflügen.
1957 wurde Paul Hahn Vertragspartner der Weißen Flotte, 1972 wurde die Reederei enteignet. In den 1980er Jahren machten sich Alterserscheinungen bemerkbar, mehrere Reparaturen wurden nötig. Die „Undine“ diente mehrfach als Filmkulisse, unter anderem im DEFA-Film „Das Traumschiff“ und im „Polizeiruf 110: Big Band Time“.
Privatisierung und Niedergang
Nach der Privatisierung der Weißen Flotte begann das letzte Kapitel. 1991 gründete sich ein Förderverein, das Schiff wurde vom Verein „Schiffe der Arbeit“ übernommen. 1993 lief die „Kronprinz“ bei Kinnbackenhagen auf Grund, erst am 3. Januar 1995 gelang die Bergung. Nach dem Ausbau von Maschinen und Aufbauten blieb nur der originale genietete Rumpf – Grund für den Denkmalwert.
2000 wurde der Rumpf nach Rostock gebracht, 2001 erteilte die Stadt eine denkmalschutzrechtliche Genehmigung für den Wiederaufbau. Die Kosten wurden auf rund 2,3 Millionen Euro geschätzt. 2006 wurde der Rumpf nach Dresden geschleppt, doch die Werft wurde insolvent, später auch der Förderverein. 2013 übernahm der Freundeskreis Maritimes Erbe Rostock den Rumpf für 1,14 Euro, 2014 kehrte er in den Rostocker Stadthafen zurück.
Am 12. Dezember 2018 wurde die Stadt Rostock Eigentümerin. Debatten über Erhalt und Kosten folgten, doch eine tragfähige Lösung fand sich nicht. 2021 fiel die Entscheidung, nur noch Heck und Ruderblatt zu erhalten. Im Februar 2024 wurde der Rumpf aus dem Wasser geholt und an Land gebracht. Als Schiff ist die „Undine“ damit Geschichte – geblieben ist nur ein Denkmalrest.