100 Jahre Plattenbau: Die größten Siedlungen in Mecklenburg-Vorpommern
100 Jahre Plattenbau: Größte Siedlungen in MV

Vor 100 Jahren begann in Berlin-Friedrichsfelde mit der Splanemann-Siedlung die Geschichte des Plattenbaus in Deutschland. Heute prägen die Bauten besonders den Nordosten – in Mecklenburg-Vorpommern sind sie aus vielen Städten nicht wegzudenken. Die ersten Plattenhäuser waren kleine rote Häuser mit zwei Geschossen, spitzen Dächern und Vorgärten, doch die Bauweise entwickelte sich schnell zu einem zentralen Element des Wohnungsbaus in der DDR.

Schwerin: Großer Dreesch als Hochburg

Schwerin gilt als „Platten-Hochburg“ des Nordens. Der Große Dreesch ist die größte geschlossene Plattenbausiedlung Norddeutschlands. Ab 1971 gebaut, lebten dort zu DDR-Zeiten zusammen mit Neu Zippendorf und Mueßer Holz bis zu rund 60.000 bis 62.000 Menschen. Zeitweise wohnte damit gut jeder zweite Schweriner in diesem Stadtgürtel. Doch die Plattenbaugeschichte Schwerins begann schon 1961 mit dem Wohnkomplex Lankow, in dem bis 1972 rund 6000 Wohnungen für etwa 20.000 Menschen entstanden. Schulen, Straßenbahn, Poliklinik und Betriebe gehörten von Anfang an zur Infrastruktur.

Rostock: Neubaugebiete am Stadtrand

Rostock besitzt die massivsten Plattenbau-Peripherien im Land. Lütten Klein, Evershagen, Groß Klein, Lichtenhagen, Schmarl, Dierkow und Toitenwinkel bilden ein Band großer Neubauquartiere. Lütten Klein war früh dran: Die ersten Mieter zogen am 10. April 1966 ein. In nur etwa zehn Jahren entstanden dort mehr als 10.000 Wohnungen. Die Wohnungen mit Fernwärme, Warmwasser und eigenem Bad waren begehrt. Geplant wurde nicht nur Wohnraum, sondern eine ganze Alltagswelt mit Schulen, Kindergärten, Kaufhallen und Grünflächen.

Neubrandenburg: Ältester WBS-70-Block

Neubrandenburg verdient einen besonderen Platz: Dort stand 1973 der erste WBS-70-Block der gesamten DDR. Diese Wohnungsbauserie 70 wurde zum bekanntesten Standardtyp des DDR-Wohnungsbaus. In Neubrandenburg stammt etwa ein Viertel der Baudenkmale aus der DDR-Zeit – ein ungewöhnlich hoher Wert für Mecklenburg-Vorpommern, der zeigt, wie stark die Nachkriegsmoderne das Stadtbild prägt.

Greifswald und soziale Veränderungen

Auch Greifswald hat Plattenbaugebiete wie Elisen Park und Ostseeviertel. Neuere Untersuchungen für Rostock, Schwerin und Greifswald zeigen, dass sich viele Großwohnsiedlungen nach der Wende sozial stark verändert haben. Eine Studie des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe betont: Nicht die Bauweise allein drückt die Wohnzufriedenheit, sondern die soziale Konzentration von Benachteiligung. Wo Armut gebündelt ist, werden Lärm, Verschmutzung, Vandalismus und Kriminalität häufiger genannt. In Schweriner Quartieren wie Lankow oder den Dreesch-Stadtteilen blieb die Entwicklung trotz Sanierungen schwierig.

Zwischen Stigma und Alltag

In der DDR waren viele Plattenbauviertel sozial gemischt. Nach 1990 verschwanden Arbeitsplätze, junge Familien zogen weg, Altbauten wurden saniert. In den großen Siedlungen blieb ein ärmerer Teil der Stadtgesellschaft zurück. Später kamen Zugewanderte und Geflüchtete hinzu. Trotzdem sind viele Wohnungen nach wie vor gefragt, weil sie bezahlbar sind und die Grundrisse praktisch bleiben. Die Wohnung wird oft besser bewertet als das Image des Stadtteils.

Rostock hat sogar einzelne künstlerisch gestaltete Giebel in Evershagen unter Schutz gestellt – große Klinkerreliefs mit den Motiven Feuer, Wasser, Erde und Luft. Solche Elemente erinnern daran, dass standardisierte Bauformen nie völlig nur Serie waren. Der 100. Jahrestag der ersten deutschen Plattenbausiedlung lenkt den Blick nicht nur nach Berlin, sondern auch in den Nordosten, wo die DDR-Platte bis heute besonders sichtbar ist – als prägender Teil ganzer Städte und kleinerer Orte.