Anklam setzt auf Polen: Stettin als Wachstumsregion der Zukunft
Anklam setzt auf Polen: Stettin als Wachstumsregion

Anklam will seine wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Polen weiter vertiefen. Bürgermeister Michael Galander und Wirtschaftsförderin Agnieszka Vanhöfen sehen in Stettin und seinem Umland die Wachstumsregion der Zukunft. Die Stadt wolle wirtschaftlich nicht isoliert betrachtet werden, sagte Galander. Stettin habe rund 400.000 Einwohner, dazu kämen der Hafen, Świnoujście, der Tourismus, der Flughafen und eine enorme wirtschaftliche Dynamik. Für die Menschen in der Region sei Stettin längst näher als Berlin oder Hamburg.

Brücken nach Polen und veränderte Wahrnehmung

Diese Sichtweise sei vor einigen Jahren noch nicht selbstverständlich gewesen, ergänzte Vanhöfen. Man baue bewusst Brücken nach Polen und vermarkte Anklam in der Metropolregion Stettin. Inzwischen werde die Stadt dort wahrgenommen: „Vor wenigen Jahren wussten viele unserer heutigen Partner in Stettin nicht einmal, wo Anklam liegt. Heute werden wir angerufen, wenn für Projekte ein deutscher Partner gesucht wird.“

Anklam habe die Wirtschaftsförderung bewusst größer gedacht, erklärte der Bürgermeister. Bei der Neubesetzung der Stelle habe die Stadtvertretung entschieden, dass es nicht nur um die klassische Betreuung vorhandener Unternehmen gehen dürfe. Man habe jemanden gewollt, der den gesamten Wirtschaftsraum grenzüberschreitend betrachte. Vanhöfen ergänzte, dass man die Sprache, die Mentalität und die richtigen Ansprechpartner kennen müsse. Vertrauen sei entscheidend.

Konkrete Kontakte und Projekte

Ein Beispiel für die neue Nähe sei die deutsch-polnische Energiekonferenz in Anklam, an der rund 170 Teilnehmer aus beiden Ländern teilnahmen. Daraus entstünden Kontakte zwischen Unternehmen, aus denen Projekte hervorgehen könnten. Im Bereich Windkraft und Solarenergie gebe es bereits grenzüberschreitende Ideen. Enertrag sei beispielsweise auf dem polnischen Markt tätig.

Zudem organisiert die Stadt einen Gemeinschaftsstand auf der großen Jobmesse in Stettin. Dort treten Anklamer Unternehmen und Einrichtungen gemeinsam auf, darunter die Wohnungsbaugesellschaft, die Zuckerfabrik und der Abwasserzweckverband. Meist seien vier oder fünf Unternehmen mit auf dem Stand, so Galander.

Kein Billiglohnland, sondern gemeinsamer Wirtschaftsraum

Die Vorstellung, in Polen billige Arbeitskräfte zu bekommen, sei überholt, betonte Galander. Stettin sei selbst eine Boomregion und suche Fachkräfte. Es gehe um einen gemeinsamen Wirtschaftsraum und darum, welche Stärken beide Seiten einbringen könnten. Vanhöfen erklärte, dass man nicht sofort mit riesigen Unternehmensprojekten beginnen könne. Man habe mit kleineren Schritten angefangen, heute trage diese Arbeit Früchte.

Es gebe bereits Anklamer Firmen, die mit Polen zusammenarbeiten, so der Bürgermeister. Ein Stahlbauer lasse Teile in Polen fertigen. Auch in anderen Branchen entwickelten sich Verbindungen. Für Unternehmen wie die Zuckerfabrik, Anklam Extrakt oder Firmen aus dem Energie- und Industriebereich sei der polnische Markt interessant.

Hafen Świnoujście als Standortvorteil

Der geplante Ausbau des Hafens von Świnoujście spiele eine große Rolle. Bei Gesprächen mit internationalen Unternehmen komme schnell die Frage nach dem nächsten großen Hafen. Unternehmen bezögen Container heute teilweise über Hamburg. Wenn sie ihre Ware künftig über einen näher gelegenen Hafen bekommen könnten, sei das ein handfester Standortvorteil für Anklam und Vorpommern, sagte Galander. Die Infrastrukturentwicklung auf polnischer Seite könne auch hier wirtschaftliche Dynamik auslösen. Für Anklam wäre es falsch, den Hafen als Konkurrenz zu deutschen Häfen zu sehen.

Vanhöfen berichtete, dass Anklam inzwischen ein anerkannter Partner sei: „Inzwischen werden wir aus Stettin angerufen und gefragt: Könnt ihr bei diesem Projekt Partner sein?“ Aktuell liefen Gespräche über ein großes neues Projekt, Einzelheiten nannte sie nicht. Galander formulierte als Ziel, dass Anklam nicht mehr als Stadt am Rand Deutschlands wahrgenommen werde. Man liege günstig zwischen Greifswald, Stettin und Świnoujście. Chancen ergäben sich bei Energie, Bioökonomie, Industrie, Logistik und Fachkräften. Vanhöfen sprach von Generationenarbeit: „Wir haben das Fundament gelegt.“ Galander ergänzte: „Und jetzt geht es darum, wirtschaftlich darauf aufzubauen.“