Mindestens 150 Standorte in Westdeutschland und 31 in der DDR: Deutschland war im Kalten Krieg mit einem dichten Netz aus Atomwaffendepots überzogen. Manche lagen nur wenige Kilometer von Städten und Dörfern entfernt. Auch der heutige Nordosten gehörte zum sowjetischen Nuklearsystem.
Dezentral im Westen, konzentriert im Osten
Im Westen war die Nuklearmunition extrem dezentral verteilt: Neben großen Depots gab es zahlreiche kleine Sondermunitionslager für Artillerie, Raketen, Flugabwehr und Atomminen sowie Lager auf Militärflugplätzen. In der DDR konzentrierte die Sowjetunion ihre Kernwaffen dagegen auf deutlich weniger, streng abgeschirmte Lager. Nicht an jedem Ort lagen ständig Atomsprengköpfe.
Stationierung begann 1953 im Westen
Die USA brachten bereits 1953 taktische Atomwaffen in die Bundesrepublik. Das Arsenal wuchs schnell: 1960 befanden sich rund 1500 amerikanische Nuklearsprengköpfe in Westdeutschland, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges zeitweise mehr als 5000. In der DDR begann die sowjetische Stationierung 1958.
Kontrolle: USA im Westen, Sowjetunion im Osten
Im Westen kontrollierten vor allem die USA die Waffen. Auch wenn Bundeswehrsoldaten Raketen oder Flugzeuge bedienten, blieben die Sprengköpfe unter amerikanischer Kontrolle – darauf beruht bis heute die nukleare Teilhabe. Großbritannien lagerte eigene Atomwaffen in Deutschland. In der DDR gehörten sämtliche Kernwaffen der Sowjetunion und blieben bis zu einem möglichen Krieg unter ihrer Kontrolle.
Netz quer durch die Bundesrepublik
Große Lager befanden sich in Siegelsbach, Riedheim, Bellersdorf, Ostbevern-Schirlheide, Kriegsfeld, Fischbach und Kellinghusen. Dutzende kleinere Lager, Flugplätze und Raketenstandorte kamen hinzu. Rheinland-Pfalz war wegen der starken amerikanischen Militärpräsenz besonders dicht überzogen. Baden-Württemberg spielte eine erstaunlich große Rolle: Siegelsbach war eines der bedeutenden Sondermunitionslager Süddeutschlands, in Golf bei Engstingen lagerten Sprengköpfe, Crailsheim beherbergte nukleare Gefechtsköpfe. Ab 1983 wurde Mutlangen zum bekanntesten Pershing-II-Standort.
Britische Atomwaffen in Nordrhein-Westfalen
Großbritannien stationierte eigene Kernwaffen vor allem auf Militärflugplätzen in Nordrhein-Westfalen. Nachgewiesen sind WE.177-Atombomben in RAF Brüggen und RAF Laarbruch; auch Wildenrath gehörte zum britischen Nuklearsystem. Die Präsenz endete in den 1990er Jahren, die WE.177 wurde 1998 außer Dienst gestellt.
DDR: Netz mit weniger, aber streng abgeschirmten Lagern
Auch die DDR war mit nuklearen Einrichtungen überzogen. Besonders wichtig waren Himmelpfort und Stolzenhain, wo die Sowjetunion seit Ende der 1960er Jahre Sprengköpfe für NVA-Raketeneinheiten lagerte. Weitere Lager gab es in Brand, Groß Dölln, Finsterwalde, Werneuchen, Großenhain, Altenburg, Halle und Altengrabow.
Mecklenburg-Vorpommern: Flugplatz Lärz und Raketenbasen
Der Militärflugplatz Lärz bei Mirow ist gut dokumentiert: Dort wurden von 1963 bis 1991 nukleare Fliegerbomben vorgehalten. In den 1980er Jahren kamen Operationsbasen im Raum Waren/Warenshof und Wokuhl für sowjetische Raketenverbände hinzu. Diese Standorte zeigen, wie verzweigt das System war: Atomwaffen brauchten Depots, Flugplätze, Raketenbasen, geschützte Bereitstellungsräume, Transporteinheiten und strenge Logistik.
Abzug und heutiger Stand
Der INF-Vertrag von 1987 leitete die Beseitigung der Mittelstreckenraketen ein. Nach dem Ende der DDR zog Moskau seine restlichen Kernwaffen ab. Seit dem 29. Juni 1991 galt Ostdeutschland offiziell als kernwaffenfrei. Im Westen wurden zahlreiche Sondermunitionslager geschlossen. Heute ist Deutschland nicht kernwaffenfrei: Die USA konzentrierten ihre Bomben auf immer weniger Flugplätze. Ramstein verlor seine letzten Atomwaffen vermutlich 2005. Übrig blieb Büchel in Rheinland-Pfalz, wo nach öffentlichen Schätzungen etwa zehn bis 15 B61-Fliegerbomben lagern. Die Bundesregierung bestätigt weder Zahl noch Details.