Auf der Insel Usedom patrouillieren seit April 2024 deutsche und polnische Polizistinnen und Polizisten regelmäßig gemeinsam. Das Team besteht aus drei deutschen und drei polnischen Beamten, unterstützt von je einem Koordinator auf beiden Seiten. Die Streifen sind entlang der Grenze zwischen Ahlbeck und Swinemünde im Einsatz, wo Urlauber und Anwohner täglich die Grenze passieren, ohne sie bewusst wahrzunehmen.
Ein gemeinsamer Einsatzraum trotz unterschiedlicher Systeme
Polizeioberkommissar Maximilian Will und seine polnische Kollegin Katarzyna Święcicka-Bartoszewicz teilen sich einen Streifenwagen. Sie tragen verschiedene Uniformen, sprechen unterschiedliche Sprachen und arbeiten nach unterschiedlichen Rechtsvorschriften. Dennoch verfolgen sie ein gemeinsames Ziel: „Viele merken gar nicht mehr, dass sie gerade in einem anderen Land sind“, erklärt Will. „Aber wenn etwas passiert, merkt man sehr schnell, dass plötzlich unterschiedliche Sprachen und unterschiedliche Gesetze aufeinandertreffen.“
Die Idee entstand aus einem früheren Experiment. Früher gab es nur gelegentlich gemeinsame Einsätze – „viermal im Monat, wenn es organisatorisch geklappt hat“, erinnert sich Will. Vorbild war das deutsch-polnische Polizeiteam in Guben. Auf Usedom wurde daraus ein festes Modell entwickelt.
Sprache als Schlüssel zum Vertrauen
Katarzyna Święcicka-Bartoszewicz lernte Deutsch in der Schule und mochte die Sprache immer. Diese Kenntnisse sind entscheidend, denn viele Urlauber sprechen weder Deutsch noch Englisch. Bei einem Einsatz mit einem verletzten polnischen Jungen, der auf deutscher Seite gestürzt war, konnte sie auf Polnisch mit ihm sprechen. „Ich habe einfach auf Polnisch mit ihm gesprochen“, erzählt sie. Das Kind beruhigte sich, die Eltern verstanden, und die Rettungskräfte konnten arbeiten. Später kam die Familie zurück und brachte den Beamten ein kleines Geschenk – „Sie wollten einfach Danke sagen.“
Auch Will absolvierte mehrere Sprachkurse zur Vorbereitung. „Der hat es wirklich in sich“, sagt er über den Intensivunterricht. „Man war danach richtig fertig, weil der Kopf einfach nur gearbeitet hat.“ Perfekt müsse niemand sprechen, wichtig sei, im entscheidenden Moment die richtigen Worte zu finden.
Vertrauen muss trainiert werden
Die Zusammenarbeit erfordert regelmäßiges Training. Mehrmals im Jahr üben die Beamten Festnahmetechniken, Zugriff in Gebäuden und gefährliche Einsatzlagen. „Die Ausbildung ist im Grunde sehr ähnlich“, sagt der deutsche Koordinator, Polizeihauptkommissar Ronny Arndt. „Aber natürlich gibt es Unterschiede.“ So dürfen polnische Polizisten Taser einsetzen, während diese in Mecklenburg-Vorpommern nicht zur Standardausrüstung gehören. Deutsche Beamte müssen regelmäßig ihre Schießfertigkeit nachweisen, in Polen gelten andere Vorschriften.
Die Aufgabenverteilung ist klar geregelt: Findet ein Einsatz in Deutschland statt, führt der deutsche Beamte, in Polen übernimmt die polnische Kollegin. Der Partner unterstützt mit nahezu denselben polizeilichen Befugnissen, was der deutsch-polnische Polizeivertrag ermöglicht.
In kritischen Situationen zählt jede Sekunde. Katarzyna erinnert sich an einen Einsatz in Swinemünde, bei dem ein junger Mann seine Mutter mit einem Messer bedrohte. „In solchen Situationen bleibt keine Zeit zum Nachdenken“, sagt sie. Die Beamten mussten blind zusammenarbeiten, während sich die Lage sekündlich veränderte. Erst Spezialkräfte konnten den Mann überwältigen und die Geisel befreien. Niemand wurde verletzt.
Bürokratie wird zum Hindernis – und zur Überwindung
Der größte Unterschied zeigt sich oft im Büro. Steht auf einem neuen polnischen Personalausweis keine Anschrift, genügt heute ein kurzer Anruf bei der Kollegin. Früher mussten Anfragen über verschiedene Behörden laufen – „Das hat manchmal drei oder vier Stunden gedauert“, erzählt Arndt. Heute: „Manche Dinge erledigen wir in einer halben Stunde.“
Auch bei einem gestohlenen Transporter informierten die deutschen Beamten ihre polnischen Kollegen direkt. Das Fahrzeug wurde auf polnischer Seite entdeckt und sichergestellt. Fahrräder mit GPS-Sendern tauchen ebenfalls immer wieder auf. „Früher wären manche Spuren längst kalt gewesen“, sagt Will. Der Informationsfluss funktioniert heute fast ohne Umwege.
Nach jedem Einsatz beginnt die zweite Schicht: Jeder Beamte dokumentiert den Vorgang nach den Vorschriften seines eigenen Landes. Unterschiedliche Computersysteme, Funktechnik und Formulare gehören zum Alltag. „Man muss immer auch für den Kollegen mitdenken“, sagt Will.
Trotz des Aufwands möchte keiner tauschen. Die Zusammenarbeit hat aus Kollegen Freunde gemacht. „Früher kannte man sich kaum“, sagt Will. „Heute vertraut man sich.“ Die Menschen entlang der Grenze haben sich an das ungewöhnliche Bild gewöhnt – Urlauber sprechen die Streifen gezielt an, Kinder winken. Nur vereinzelt begegnen ältere Menschen einem deutschen Polizeiauto auf polnischer Seite mit Skepsis, geprägt von historischen Erinnerungen. Will reagiert ruhig: „Mein Opa hatte mit dieser Geschichte nichts zu tun, mein Vater auch nicht – und ich erst recht nicht. Wir machen einfach nur unsere Arbeit.“
Die Grenze trennt Deutschland und Polen auf der Landkarte weiterhin, doch im Alltag der sechs Beamten spielt sie oft nur eine Nebenrolle. Genau das gibt verängstigten Kindern, verzweifelten Müttern oder hilfesuchenden Urlaubern das Gefühl, nicht allein zu sein – weil dort jemand steht, der nicht nur das Gesetz kennt, sondern auch ihre Sprache spricht.