Prora: Vom NS-Koloss zur weißen Tourismusmeile
Prora: Vom NS-Koloss zur weißen Tourismusmeile

Nach mehr als zwei Jahrzehnten hat ein Urlauber Prora auf Rügen wiedergesehen – und war fassungslos. Aus den einst grauen Baracken ist eine lange, weiße Häuserkette geworden. Der Autor will dort nicht schlafen und auch nicht morgens mit Meerblick auf dem Balkon sitzen.

Ein geschichtsträchtiger Ort wird zur Tourismusmeile

Prora ist der Ort, an dem sich deutsche Geschichte auf wenigen Kilometern Beton verdichtet. Die Nationalsozialisten wollten hier ab 1936 das „Seebad der 20.000“ bauen – ein gigantisches Urlaubsprojekt der Organisation „Kraft durch Freude“, das wegen des Krieges nie fertig wurde. In der DDR wurde aus dem unvollendeten Ferienkoloss eine Kaserne der Nationalen Volksarmee. Auch der Vater des Autors wurde hier ausgebildet.

Nach der Wende verfiel Prora zunächst, bevor die Blöcke verkauft und nach und nach zu Hotels, Ferienwohnungen und Eigentumsapartments umgebaut wurden. Der Autor war vor etwa 25 Jahren das letzte Mal dort, damals zu Workshops im Rahmen von sozialen und zivilen Engagements.

Der Kontrast zwischen Geschichte und Kommerz

Im Sommer fuhr er nun mit Schrittgeschwindigkeit an dem langgezogenen Koloss vorbei. Aus den grauen Baracken, die die dunkle Vergangenheit aus jedem Betonzentimeter ausstrahlten, ist eine langgezogene, weiße Häuserkette im Einheitsbrei geworden. Die Ehrfurcht vor der Geschichte musste dem Kommerz weichen – auf ganz andere Weise als im Ostseebad Göhren, dem wegen Ausverkauf und Großinvestoren vor Ort sogar ein ganzer Film gewidmet wurde.

Der Autor fragt sich, wie viele Käufer und Gäste von der Geschichte beim Koloss von Prora wissen und ob es nicht mehr und andere Möglichkeiten gegeben hätte, als nur ganz am Ende des Koloss ein Stück Geschichte optisch zu bewahren.

Ein mulmiges Gefühl an der Ostsee

Heute also Luxus dort, wo einst NS-Propaganda und später DDR-Militärgeschichte stattfanden. Wenn der Autor die schicken Balkone, Pools und Ferienwohnungen sieht, hat er ein mulmiges Gefühl. Selbst die Kulisse am hinteren Nordstrand ist für ihn furchteinflößend. In der repräsentativen NS-Architektur spielten monumentale Treppenanlagen eine zentrale Rolle als Instrumente der Machtinszenierung, Einschüchterung und Hierarchie.

Für den Autor steht fest: Diesen Winkel wird er meiden. Es gibt sicher schönere Orte zum Baden auf der Insel.