Warum starren uns die Leute am Strand an? Eine Kolumne
Warum starren uns die Leute am Strand an?

Neulich war ich mit meinen beiden Kindern an einem Strand am Tollensesee. Ein Ehepaar saß am Ufer. Die Frau schaute durch ihre Sonnenbrille deutlich in unsere Richtung. Anfangs dachte ich noch: Sie findet meine Kids vielleicht drollig, wie sie am Ufer lang hopsen. Doch mit stetigem Starren wuchs das Unbehagen. Sie ließ nicht ab mit ihren Blicken.

Ein unangenehmer Moment am Wasser

Unangenehm wurde es, als eines meiner Kinder nicht wollte wie ich. Wer kennt es nicht? Es ging ums Rauskommen aus dem Wasser nach einer gefühlten Ewigkeit. Wasserratte halt. Mehreren Aufforderungen von der Bank aus, auf der wir uns samt abgestreiften und ausgebreiteten Klamotten postiert hatten, kam die Lütte nicht nach. Ich holte sie, die Kleine quengelte erstmal. Der Mann starrte aufs Wasser, die Frau drehte ihren Kopf von links nach rechts, um über ihre Schulter hinweg weiter das Geschehen zu beobachten.

Ich war endgültig genervt. Nicht von meiner Tochter, sondern von dieser Frau. Interesse und Neugierde – klar. Aber mit dieser permanenten Penetranz? Ich überlegte ernsthaft hinzugehen und sie zu fragen, ob sie sich gut unterhalten fühlt. Ich ließ es, wollte vor Ort nicht noch eine Baustelle für mein Nervenkostüm öffnen.

Strafende Blicke auch im Restaurant

Stattdessen fragte ich mich innerlich, woran dieses permanente Beobachten wohl lag. Sind es die Erinnerungen an die eigenen Kinder gewesen und die Zeitreise in die Jahre, als die mal klein waren und sich womöglich ähnlich verhielten? Meine eigene Vermutung in dem Moment war eher eine böswilligere Unterstellung: Ist es immer noch so besonders, wenn ein Vater mit zwei kleinen Kindern unterwegs ist und sich um sie kümmert? Fragte sie sich schlicht, wo wohl die Mutter ist? Oder war es für sie wirklich eine Art Unterhaltung zur besten Sendezeit in der Realität?

Das Ganze passiert mir nicht zum ersten Mal. Das fiel mir auch auf in unserem Ostseeurlaub als ganze Familie am Südostzipfel Rügens vor wenigen Jahren und als die Kinder erst knapp drei und ein Jahr alt waren. Als wir ein Restaurant enterten und im Freiluft-Bereich Platz nahmen, gab es direkt strafende Blicke von mehreren Leuten. Ja, Kinder sind aktiv und auch mal lauter. Sollten wir die Kids mit allen Mitteln ruhig stellen?

Was mir damals wie heute auffiel: Es ist die Generation meiner Mutter, die besonders gern schaut. Die Frauen und Mütter der Boomer-Generation. Ziehen sie den Vergleich, wie (schlecht?) es heute gemacht wird oder wundern sich wirklich (positiv?), dass sich Väter heute womöglich mehr beteiligen?

Ländliche Neugier und alte Rollenbilder

Fällt es mir besonders auf, weil ich in Mecklenburg-Vorpommern lebe? Hier kennt man den Spruch: „Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht.“ Abgewandelt könnte es in meinem Fall also lauten: „Was der Bauer nicht kennt, das guckt er sich erst mal an.“ In kleineren Städten und ländlichen Regionen wird natürlich mehr beobachtet als anonym in der Großstadt, damit muss auch ich leben. Nicht immer aus Bosheit, oft einfach aus Gewohnheit und Neugier. Und jeder weiß in meiner Heimat (spätestens über ein, maximal zwei Ecken) über den anderen Bescheid. Von meiner Straße sagt man, sie habe Ohren.

Vielleicht steckt hinter diesen Blicken aber auch gar keine alleinige Erklärung. Ein bisschen Neugier, ein bisschen Nostalgie, ein bisschen stilles Urteilen – und vielleicht auch ehrliche Anerkennung dafür, dass Väter heute selbstverständlich allein mit ihren Kindern unterwegs sind. Ich weiß es letztlich nicht. Die Generation meiner (Groß)eltern hat Familie oft anders erlebt: Der Vater war häufig der Ernährer, die Mutter organisierte den Alltag mit den Kindern. Wer dieses Rollenbild jahrzehntelang verinnerlicht hat, schaut vielleicht einfach länger hin, wenn es heute anders aussieht.

Trotzdem bleibt für mich die Frage: Warum wird aus einem flüchtigen Blick ein stetiges, minutenlanges Beobachten? Denn Interesse ist das eine, jemanden zum unfreiwilligen Alleinunterhalter zu machen, das andere. Lieb gemeint: Sprecht doch lieber (wieder) mehr miteinander!