Anklam hat seit der Wende rund 9.000 Einwohner verloren – und ist trotzdem neu aufgeblüht. Beim zweiten Teil der Veranstaltungsreihe „Stadt Mensch Bau“ im „Ritz“ wurde am Dienstagabend Bilanz über die Entwicklung der Stadt von der Wende bis in die Gegenwart gezogen.
Ein Blick von außen öffnet die Augen
Monika Zeretzke berichtete im „Ritz“, dass sie in der Anklamer Innenstadt Besucher aus Neubrandenburg getroffen habe, die extra an die Peene gereist waren, um sich die Stadt und ihre Veränderungen anzusehen. Die Veranstaltung wurde vom Demokratieladen, vom Museum im Steintor und der Stadt Anklam organisiert.
Von 21.000 auf 12.000 Einwohner
Der Historiker Christoph Wunnicke erinnerte daran, dass am 1. Juli 1990 die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion tiefe Einschnitte brachte. Viele Betriebe waren der freien Marktwirtschaft nicht gewachsen, Arbeitsplätze verschwanden, tausende junge Leute zogen in den Westen. Die Einwohnerzahl sank von gut 21.000 im Jahr 1989 auf aktuell rund 12.000. Anklam verlor zudem den Status einer Kreisstadt. Wichtige Einrichtungen wie das Krankenhaus und die Zuckerfabrik – inzwischen die einzige in Mecklenburg-Vorpommern – blieben bestehen.
Mut und Millionen für neue Projekte
Die Architektin Susann Milatz zeigte anhand historischer Fotos, wie über die Jahre Mut und Millionen in neue Bauprojekte flossen. Dazu gehören die Ortsumfahrung, deren endgültige Fertigstellung 2015 die Innenstadt entlastete, der Umbau der Innenstadt selbst, den das Deutsche Architektenblatt 2021 als Neuerfindung des Stadtzentrums beschrieb, sowie Schwimmhalle, „Ritz“ und Schulcampus.
Beim Umbau des Marktes mit den Steinbändern, die von wichtigen Ereignissen der Stadtgeschichte erzählen, landete der Entwurf im Wettbewerb auf dem dritten Platz, gefiel aber der Mehrheit der Stadtvertreter am besten. Der Investor Hans-Helge Thran aus Bad Kreuznach hinterließ mit dem Lilienthal-Center, das nicht wenigen als „gelbes Elend“ bekannt ist, sowie dem Einkaufszentrum an der Mühlenstraße und einer Seniorenresidenz in der Hospitalstraße große Spuren.
Pläne und Kritik aus dem Publikum
Abgeschlossen ist der Umbau noch nicht: Es wurden Pläne für die Entwicklung der Südstadt und der Areale nördlich und südlich der Peene vorgestellt. Aus dem Publikum kamen Fragen zum alten Gericht und zur Kriegsschule sowie Kritik an der geplanten Stele im neuen Kreisverkehr auf der Kreuzung Pasewalker Allee, Hospitalstraße und Ossietzkystraße und am fehlenden Grün auf dem Marktplatz.
Sieglinde Wöhning, die mit ihrem Mann vor einigen Jahren von Bielefeld an die Peene zog, zog eine persönliche Bilanz: „Anklam ist schön und schnuckelig.“ Es gebe eine Klinik, ein Theater und Einkaufsmöglichkeiten – in Anklam lasse es sich leben und alt werden.