In der Georgenkirche in Waren führte die Wiederentdeckung einer historischen Treppe zurück zu einem fast 170 Jahre alten Dokument. Das Abnahmeprotokoll der Lütkemüller-Orgel aus dem Jahr 1856 enthielt einen Hinweis, der letztlich zur Freilegung des ursprünglichen Zugangs führte.
Orgelabnahme von 1856 mit brisantem Hinweis
Die Lütkemüller-Orgel in der Warener Georgenkirche gilt als eines der bedeutendsten Instrumente in der Mecklenburgischen Seenplatte. Nach ihrer Sanierung erklingt sie seit dem Reformationstag 2024 wieder in voller Pracht. Im Zuge der Arbeiten rückte auch das historische Abnahmeprotokoll aus dem Jahr 1856 in den Blick. Kreiskantorin und Kreismusikdirektorin Christiane Drese berichtet, dass die beiden Orgelrevisoren damals fast ausschließlich lobende Worte für das Werk des Orgelbaumeisters Lütkemüller fanden. Im abschließenden Urteil heißt es: „Der Erbauer hat wirklich aus wahrer Liebe zur Kunst vortrefflich und akkurat gearbeitet. Er hat ein schönes dauerhaftes Werk geliefert und bis in die kleinsten Geringfügigkeiten hinab einen beharrlichen, akkuraten Kunstfleiß entwickelt.“
„Lebensgefährlicher Aufgang“ führte auf die Spur
Doch im selben Paragrafen folgt ein Hinweis: „Wir bitten dringend, einen anderen und bequemeren Aufgang zum Orgelchor anzulegen, da sowohl für Knaben, ältere Leute und Damen, welche bei etwaigen Musikaufführungen mitwirken sollen, der jetzige Aufgang lebensgefährlich ist.“ Dieser Satz ließ Christiane Drese stutzen. „Dass die heute genutzte Treppe als lebensgefährlich eingestuft wurde, konnte ich mir nicht vorstellen“, erklärt sie. Bei genauerem Hinsehen zeigte sich: Die heutige Treppe stammt aus einer späteren Zeit. „Der eigentliche Aufgang war der mittelalterliche Turmaufgang“, sagt Drese.
Mittelalterlicher Aufgang ohne künstliches Licht
Als sie eine lange zugestellte Tür freiräumen ließ und erstmals den alten Zugang betrat, schien die Warnung der Orgelrevisoren zunächst übertrieben. Die schmale Steintreppe wirkte zwar alt, etwas eng und längst vergessen, jedoch keineswegs lebensgefährlich. Spinnen hatten sich über Jahrzehnte ihren Platz erobert. Erst mit einem Blick in die Vergangenheit wurde verständlich, weshalb die Revisoren 1856 so deutliche Worte gewählt hatten. Elektrisches Licht gab es damals noch nicht. Organisten, Sänger und Musiker mussten den engen Treppenaufgang lediglich im schwachen Tageslicht erreichen, das durch kleine Fenster in den Turm fiel. Wer den Aufstieg heute ohne künstliche Beleuchtung erlebt, kann die damalige Einschätzung nachvollziehen. Der mittelalterliche Aufgang erzählt zudem eine weitere Geschichte: Christiane Drese vermutet, dass an der Stelle des heutigen Aufgangs ursprünglich ein weiteres Register mit zusätzlichen Orgelpfeifen geplant gewesen sei. Mit dem späteren Einbau des neuen Zugangs änderte sich die Raumsituation dauerhaft.