Gafferwand-Erfinder Dieter Mohn: Vom Tüftler zum Ruheständler
Gafferwand-Erfinder Dieter Mohn: Vom Tüftler zum Ruheständler

Dieter Mohn, Erfinder der „Gafferwand“, ist seit Anfang 2023 im Ruhestand – aber von Stillstand keine Spur. Der 69-Jährige malt, schreibt Geschichten, tüftelt am Computer und hilft Freunden. So unterstützte er im Mai 2026 den Ostholsteiner Künstler Torsten Bahr bei einem Deichprojekt im Ostseebad Dahme, weil Bahr auf Krücken und Rollator angewiesen ist.

Vom Deichprojekt zum Trickfilm

Bei sieben bis neun Grad und Nordwind gestaltete Mohn gemeinsam mit Bahr 40 Meter Deichdurchgang. Die Karikaturen des Freundes erzählen eine Geschichte über einen malenden „Feehnrich“, eine Nixe, Fische, Möwen und den Sinn der Deichtore. Nach mehr als einer Woche Arbeit fotografierte Mohn die einzelnen Szenen, erstellte daraus mit künstlicher Intelligenz einen kleinen Trickfilm und brachte einen QR-Code an der Wand an. Wer ihn scannt, erfährt, was hinter den bunten Figuren steckt.

„Ich mache nur noch, wozu ich Lust habe und woran ich Spaß habe“, sagt Mohn. Der wirtschaftliche Druck ist weg, die Neugier nicht. Drei Computer stehen bei ihm zu Hause, jeder habe irgendwo eine Geschichte, so der Erfinder.

Die Erfindung, die ihn bekannt machte

Bekannt wurde Mohn mit der „Gafferwand“, einem aufblasbaren Sichtschutz für Unfallstellen. Die Idee kam ihm 2016, als er mit fast 60 Jahren arbeitslos war. Nach einem Bewerbungsgespräch in Hamburg sah er auf der A24 einen Unfall und Menschen, die sofort ihre Handys zückten, Bilder machten und sie ins Internet stellten. Noch am selben Abend überlegte er mit einem Freund, wie sich Unfallstellen schnell abschirmen ließen.

In einem etwa zehn Quadratmeter großen Zimmer nähte Mohn auf einer alten Industrienähmaschine die ersten Modelle. Den entscheidenden Hinweis für die stabile Konstruktion lieferte der Blick aus dem Fenster auf einen Kran mit großem Ausleger – dessen aneinandergereihte Dreiecke sorgen für Stabilität. Das, dachte Mohn, müsste doch auch mit Stoff funktionieren. Schon der erste Prototyp hielt. Er entwickelte ihn weiter und meldete Schutzrechte an.

Verkauf in die Schweiz

2019 stellte Mohn die „Gafferwand“ in der Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“ vor. Einen Investor fand er nicht, doch anschließend füllte sich sein E-Mail-Postfach. „Millionär bin ich trotzdem nicht“, sagt er und lacht. Seine Kunden waren vor allem Kommunen und Feuerwehren. Ausschreibungen, Nachweise und klamme Kassen bremsten den Verkauf. Corona ließ den Auftragsbestand 2020 nahezu zusammenschmelzen, und der Ukraine-Krieg 2022 führte zu neuen Prioritäten bei Städten und Gemeinden.

Die Lösung ergab sich bei einer der letzten Lieferungen: Eine „Gafferwand“ ging über die Schweizer Firma Gallus Hautle in Wittenbach bei St. Gallen an eine Feuerwehr in Liechtenstein. Mohn erzählte seinem Geschäftspartner, dass er aufhören wolle – der Schweizer übernahm schließlich die Schutzrechte. Um ein Vermögen sei es nicht gegangen, aber Mohn musste keine Gebühren für die Absicherung der Erfindung in mehreren Ländern mehr zahlen. Gallus Hautle führt den aufblasbaren Sichtschutz weiterhin im Sortiment.

Ein Leben voller Wendungen

Der gelernte Maler, Schauwerbegestalter, Gastronom und Unternehmer war schon zu DDR-Zeiten rührig. Nach der Wende baute er Kinos aus, führte eine Werbefirma, die nach einem Konkurs zusammenbrach. Später eröffnete er in Ludwigslust die „Galerie an der Bleiche“ und die „Pianobar“ und erhielt den Zuschlag für das „Schlosscafé“, das heute seine Schwester führt. Nach dem Tod seiner Frau gab er mehrere Geschäfte ab, war später krank und bezog zeitweise Hartz IV – bevor er mit der „Gafferwand“ noch einmal von vorn begann.

Der Satz seiner mecklenburgischen Großmutter Anni begleitet ihn bis heute: „,Kann ich nicht' liegt im Graben, und ,will ich nicht' liegt daneben.“ Heute darf es langsamer gehen – er besucht einen Freund im Pflegeheim, schaut nach seiner 92-jährigen Mutter und schreibt Erinnerungen auf. Einen ersten Versuch hat er mit dem Büchlein „Die Winzer von Grabow“ gestartet. Seine spontanen Einfälle seien seltener geworden, räumt er ein, aber verschwunden sind sie nicht: Computer, Beamer, Schneidplotter, Kino- und Veranstaltungstechnik sind noch einsatzbereit.

„Ich lebe die Gegenwart ganz aggressiv“, sagt Mohn und lacht. Mit seiner Lebensgefährtin reist er, um Landschaften, Menschen und Geschichten zu entdecken. Vor allem will er offen sein für das, was sich als Nächstes ergibt. „Ich finde es spannend, was mit KI, also der künstlichen Intelligenz, alles möglich ist. Da bleibe ich am Ball. Das Leben schiebt einen ja dahin“, meint er. Wohin es ihn noch schiebt, weiß er nicht – nur eines scheint sicher: „Ich bin da noch nicht ganz zu Ende.“