Ein grauer Schiffsrumpf im flachen Wasser, von Weitem fast wie ein gestrandeter Wohnblock: Das Betonschiff vor Redentin gehört zu den ungewöhnlichsten Relikten an der Wismarbucht. Viele kennen es vom Vorbeifahren, andere aus Erzählungen, manche wegen seines Rufs als „Lost Place“. Doch hinter dem Wrack steckt weit mehr als ein auffälliger Anblick in der Ostsee.
Schiffe aus Beton: Eine Idee aus dem Krieg
Das Schiff entstand in einer Zeit, in der Stahl knapp war und der Krieg den Takt vorgab. Als Baustoff rückte deshalb Leichtbeton in den Mittelpunkt. Das Redentiner Betonschiff, auch als Wismar I bezeichnet, gehörte zu einer Serie von mehr als 50 Frachtmotorschiffen des Typs „Seeleichter Wiking Motor“, die für die sogenannte Transportflotte Speer gebaut wurden.
Die Idee war damals keineswegs neu. Schon 1855 präsentierte der Franzose Joseph-Louis Lambot auf der Weltausstellung in Paris ein Boot aus Beton. Im Zweiten Weltkrieg griff man dieses Prinzip wieder auf, weil Stahl Mangelware war, Beton dagegen zur Verfügung stand.
In Deutschland wurde daraus in den 1940er-Jahren ein Serienprogramm. Eine wichtige Rolle spielte dabei die von Ulrich Finsterwalder entwickelte Schalenbauweise. Der Rumpf entstand in einer Baugrube mit dem Kiel nach oben. Nach dem Fluten der Grube wurde die Hülle gedreht und aufgerichtet. Das sparte Material und galt als bemerkenswert moderne Bauweise.
Vom Bauplatz an die Ostsee
Gebaut wurde das Schiff vermutlich 1943 oder 1944 in Ostswine bei Swinemünde. Anschließend sollte der Rumpf auf der Werft Willi Klotz in Swinemünde ausgerüstet werden. Dazu kam es nicht mehr. Als die Front näher rückte, schleppte man den transportfähigen Rumpf nach Westen, damit er nicht in sowjetische Hände fiel. Der Stettiner Schlepper Hermann Kirsch brachte das unfertige Schiff im März oder April 1945 über die Ostsee nach Wismar. Dort wurde es unweit des damaligen Dornier-Hafens festgemacht.
Ein Schiff ohne eigentliche Aufgabe
Mit seiner Ankunft in Wismar begann die ungewöhnlichste Phase seiner Geschichte. Der Rumpf war vorhanden, aber nie fertiggestellt worden. Er war also Schiff und doch keines. Weder die britischen Truppen noch die sowjetische Besatzungsmacht zeigten größeres Interesse an dem Betonkoloss.
1946 bot die russische Kommandantur den Rumpf dem Fischkonservenfabrikanten Gottfried Friedrichs zur Nutzung an, nachdem dieser andere Produktionsräume räumen musste. Vorgesehen war eine schwimmende Fischverarbeitungsanlage. Aus dem Plan wurde jedoch nichts. Stattdessen diente das Betonschiff in den folgenden Jahren vor allem als Lager.
Lagerraum, Fender, schwimmende Reserve
Zeitweise wurde der Rumpf ins Seebad Wendorf verlegt. Dort half er beim Aufbau des GST-Segelstützpunkts der 1951 gegründeten Mathias-Thesen-Werft. Später kam er nach Wismar zurück und wurde Ende der 1950er-Jahre als Fender eingesetzt, unter anderem beim mehrjährigen Umbau des sowjetischen Eisbrechers Krasin.
1962 schleppte man das Betonschiff schließlich in die Redentiner Bucht. Dort sollte es als Wellenbrecher dienen, zugleich nutzte die örtliche Fischerei-Produktionsgenossenschaft den Rumpf als Lagerschiff. Aus dem nie vollendeten Frachter war damit endgültig ein praktisches Arbeitsobjekt geworden.
Ein Sturm entscheidet den Rest
Seinen heutigen Standort erhielt das Schiff erst durch ein Unwetter. Am 12. November 1972 riss ein Sturm den Rumpf aus seiner Verankerung. Das Schiff trieb auf eine Sandbank, erlitt mehrere Lecks und sank im flachen Wasser.
Schon im folgenden Jahr forderte das Seewasserstraßenamt Rostock die Beseitigung des Wracks. Es galt als Schifffahrtshindernis und störte aus Sicht der Behörde das Landschaftsbild. Doch eine Bergung wäre teuer und technisch aufwendig gewesen. So blieb das Betonschiff liegen.
Große Pläne, kleines Ergebnis
An Ideen für eine neue Nutzung mangelte es danach nicht. Unter anderem sollte aus dem Wrack ein Partyboot werden. Auch daraus wurde nichts. Mitte der 1970er-Jahre gab es sogar ernsthafte Verhandlungen mit einer Gruppe von Künstlern und Schauspielern, zu der auch die DEFA-Schauspielerin Christine Laszar gehörte. Ihr Plan: das Betonschiff kaufen und zu einem Freizeitobjekt ausbauen.
Mitte der 1980er-Jahre erhielt der Rumpf dann doch noch einen neuen Zweck – zumindest vorübergehend. In Bernhard Wickis Verfilmung von „Sansibar oder der letzte Grund“ diente er als Kulisse. So wurde aus dem gestrandeten Arbeitskörper auch noch ein Stück Filmgeschichte.
Erstaunlich zäh gegen Wind und Wasser
Dass der Rumpf bis heute vergleichsweise gut erhalten ist, überrascht viele. Jahrzehntelang liegt er nun schon im Ostseewasser, und doch ist seine Form weiterhin klar zu erkennen. Zwar haben Lecks, Rost und freiliegendes Drahtgeflecht deutliche Spuren hinterlassen. Der Beton selbst hat sich jedoch als widerstandsfähig erwiesen.
Auch die Maße machen deutlich, dass es sich nicht um ein kleines Beiboot handelte: 40,5 Meter lang, 7 Meter breit, 3,4 Meter Seitenhöhe und 2,87 Meter Tiefgang. Vorgesehen waren zwei Dieselmotoren mit 250 bis 300 PS. Sie wurden nie eingebaut. Auch dieser unvollendete Zustand verleiht dem Wrack bis heute seine eigentümliche Wirkung.
Wahrzeichen ohne Museum und Zaun
Längst ist das Redentiner Betonschiff mehr als nur ein altes Wrack. Es erzählt von Kriegswirtschaft, Ingenieurskunst und Improvisation in der Nachkriegszeit. Es wurde nie fertiggestellt, nie regulär eingesetzt und nie geborgen. Und doch zieht dieser graue Rumpf bis heute so viele Blicke auf sich.