Konteradmiral Stephan Haisch, Kommandeur der Commander Task Force Baltic (CTF Baltic) in Rostock, warnt vor den Risiken durch Russlands Schattenflotte in der Ostsee. Die Schiffe dienten nicht nur der Umgehung von Sanktionen, sondern könnten auch militärisch genutzt werden – etwa für Aufklärung oder den Start von Drohnen. „Russland testet, wie wachsam und wie aufmerksam wir sind“, sagt Haisch.
Hauptquartier mit 13 Nationen
Die CTF Baltic plant, koordiniert und führt maritime Aktivitäten der Nato in der Ostsee. Gegründet wurde sie im Oktober 2024, nachdem Bundeskanzler Olaf Scholz 2022 beim Nato-Gipfel in Madrid ein stärkeres deutsches Engagement im Ostseeraum angekündigt hatte. Der Stab umfasst rund 100 Frauen und Männer aus 13 Nationen – alle Nato-Ostseeanrainer sind vertreten. Polen und Schweden stellen die meisten Kräfte, der Stellvertreter ist Schwede, der Chef des Stabes Pole.
Schattenflotte im Fokus
Die Schattenflotte besteht aus Schiffen, die von der EU oder einzelnen Staaten sanktioniert sind, um Sanktionen etwa gegen den russischen Ölexport zu unterlaufen. Haisch unterscheidet eine rechtliche Dimension – etwa fehlender Versicherungsschutz – von einer militärischen: „Was wäre, wenn von solchen Schiffen Drohnen gestartet würden?“, fragt er. Auch Unterwasserdrohnen oder bewaffnete Teams an Bord seien denkbar. Aktuell stünden rund 670 Schiffe auf der EU-Sanktionsliste, in der Ostsee seien es 45 bis 50.
Präsenz und Aufklärung
Seit Beginn der Nato-Aktivität Baltic Sentry im Januar 2025 gab es keine Beschädigung von Unterwasserinfrastruktur durch Schleifen von Ankern. Die hohe Präsenz – Schiffe, Flugzeuge, Küstenradar und Satelliten – habe das Lagebild verbessert. Reaktionszeiten sanken von 17 bis 18 Stunden auf meist unter eine Stunde. Rund 15.000 Funkabfragen wurden seitdem durchgeführt. „Wir machen deutlich: Wir passen auf“, so Haisch. Die Abschreckung zeige Wirkung.
Grenzen der Überwachung
Die Nato kann nicht jeden Quadratmeter des Ostseebodens überwachen – „wir haben keinen gläsernen Ozean“. Rund 95 Prozent der Kabelschäden hätten technische Ursachen. Künstliche Intelligenz helfe, Auffälligkeiten zu filtern, etwa um normale Ankerpositionen von verdächtigen zu unterscheiden. Unbemannte Systeme spielten eine wachsende Rolle, doch IT-Sicherheit sei entscheidend, um Hackerangriffe zu verhindern.
Bilanz und Sorgen
Als Erfolge nennt Haisch ein besseres Lagebild, schnellere Reaktionsfähigkeit und gemeinsame taktische Pläne. Sorgen bereiten ihm hybride Nadelstiche und Einflussnahme auf Gesellschaften, etwa durch KI-generierte Falschmeldungen. „Die Stärke unserer westlichen Demokratien – die freie Meinungsäußerung und die Vielfalt – kann teilweise auch eine Schwäche sein“, sagt er. Dennoch schlafe er ruhig: „Ich kann ruhig schlafen.“