Waldbrände in Munitionsgebieten: Forscher fordert Prävention
Waldbrände in Munitionsgebieten: Forscher fordert Prävention

Ein ehemaliger Truppenübungsplatz im Müritz-Nationalpark, Mecklenburg-Vorpommern, Ende Juni: Ein Waldbrand breitet sich auf mehr als 100 Hektar Fläche aus. Derselbe Nationalpark, eine andere ehemalige Militärfläche, im Juli: Ein Waldbrand erfasst rund 400 Hektar. Ein früherer Truppenübungsplatz bei Jüterbog in Brandenburg, Ende Juli: 250 Hektar Wald stehen in Flammen. Die Löscharbeiten gestalten sich in allen drei Fällen schwierig, weil die Flächen unter Kampfmittelverdacht stehen und Menschen deshalb nicht näher als 1.000 Meter an die Feuer herandürfen.

Was tun?

Die Zauberworte sind Vorbeugung und autonome Bekämpfungstechnologien, sagt der Forstwissenschaftler Michael Müller von der TU Dresden. Gerade in Wildnisgebieten wie Kernzonen von Nationalparks oder auf ehemaligen Truppenübungsplätzen, die dem Lauf der Natur überlassen bleiben sollen, gebe es oft keine ausgebauten, sicheren Wege oder andere Strukturen, die Feuerwehren erlauben würden, Waldbrände schnell zu stoppen, bemängelt Müller. Ein bewirtschafteter Wald sei da besser gerüstet. Dort gebe es ein System von Wirtschaftswegen. Sie könnten im Brandfall von der Feuerwehr genutzt werden.

In Reservaten und Wildnisgebieten hingegen will man der Natur freien Lauf lassen. Doch Müller ist überzeugt: „Man muss eingreifen.“ Insbesondere jüngere Wälder bis zu einem Alter von 30, 40 Jahren seien feuergefährdet. Äste reichten noch bis in Bodennähe, es gebe viel Laubstreu oder Bodenbewuchs zwischen den Bäumen. Dieses Brennmaterial beschleunige das Ausbreiten eines Feuers am Boden und gebe ihm Energie. Schließlich trockneten die Flammen die Kronen aus und auch sie fingen Feuer. Die Energie verstärke sich und der Brand sei immer schwieriger in den Griff zu bekommen.

„Innere Erschließung“

Müller empfiehlt ein Umdenken. Auch in Schutzgebieten sollte eine „innere Erschließung“ der Wälder vorgenommen werden, rät der Experte. Wege und andere Strukturen, die das Ausbreiten eines Bodenfeuers stoppen können und der Feuerwehr ein schnelles Handeln ermöglichen, sollten demnach gewährt werden. Das müsse den Naturschutzinteressen nicht entgegenstehen, meint er. Wie intensiv diese Erschließungen sind, müsse festgelegt werden und hänge von den Gegebenheiten vor Ort ab - etwa davon, welche Baumarten vorkommen, wie die Waldstruktur ist oder wie die Topographie aussieht.

„Naturschutzgedanke wird zunichtegemacht“

Große Waldbrände wie zuletzt jene bei Jüterbog und im Müritz-Nationalpark können und müssen aus Sicht von Müller vermieden werden. „Große Waldbrände machen den Naturschutzgedanken auf Jahrzehnte zunichte“, sagt er. Anders als etwa in Australien oder den Rocky Mountains gehörten Waldbrände in Deutschland nicht zum Ökosystem. Das wisse man aus Boden- und Waldanalysen und etwa auch der Tatsache, dass es hierzulande keine Organismen gebe, die an häufig wiederkehrende Feuer angepasst seien.

Auch handele es sich bei einem großen Waldbrand immer um einen Fall von Umweltverschmutzung. Feinstaub, Treibhausgase wie Kohlendioxid würden freigesetzt, ebenso Gifte wie Kohlenmonoxid, Furane und Dioxine. „Waldbrandrauch ist giftig“, sagt der Experte. Es gebe also gute Gründe, Waldbrände zu vermeiden oder möglichst klein zu halten.

Waldbrandriegel

Sogenannte Waldbrandriegel gehören zum Repertoire, das Müller zur Vorbeugung empfiehlt. An solchen Stellen im Wald soll ein Vollfeuer, das bereits die Kronen erfasst hat, zu Bodenfeuer gewandelt und aufgehalten werden. Ein Bodenfeuer sei auch leichter zu bekämpfen. Ein Kahlschlag sei nicht nötig. „Es reicht, wenn die Abstände zwischen den Bäumen vergrößert werden, indem man einzelne herausnimmt, oder man schattenspendende Baumarten in den Riegeln einbringt.“ Dünnes Totholz sollte nach seinen Worten entfernt werden, um einem potenziellen Feuer wenig Nahrung zu belassen. „Feuer ist immer eine Energieausbreitungsgeschichte“, erklärt der Experte.

Im Müritz-Nationalpark denken sie nach dem jüngsten Großfeuer über eine „Kammerung“ des Waldes nach, wie die stellvertretende Leiterin des Nationalparkamts, Dany Poganatz, der Deutschen Presse-Agentur sagte. Dabei wird der Wald mit Gassen unterteilt - so wie Müller es empfiehlt. Mit dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte und den umliegenden Feuerwehren will das Nationalparkamt das jüngste Brandgeschehen auswerten.

Lehren aus dem 1.000-Hektar-Brand von Lübtheen

Den größten Brand in der Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns gab es 2019 auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Lübtheen im Landkreis Ludwigslust-Parchim. Das Feuer erfasste damals fast 1.000 Hektar und das Brandgeschehen dauerte fast eine Woche. Vier Jahre später brannte es dort erneut - nun aber auf lediglich rund 100 Hektar. Die Bekämpfung dauerte nur die Hälfte der Zeit.

Landrat Stefan Sternberg (SPD) führte das auf die nach 2019 ergriffenen Maßnahmen zurück. Dazu gehörte die Anschaffung sogenannter Kreisregner sowie mehrerer geländegängiger Löschfahrzeuge und weiterer moderner Technik für mehrere Millionen Euro. Zudem wurden auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz 15 Brunnen für Löschwasser gebohrt und Brandschutzschneisen geschlagen. Vorhandene Schneisen wurden auf bis zu 60 Meter verbreitert.